Siddhartha
B1 Roman 12 Kapitel · ~26 Min.

Siddhartha

Eine einfache B1-Fassung von Hermann Hesses «Siddhartha». Ein junger Mann in Indien verlässt sein bequemes Leben und sucht auf einem langen Weg — bei den Samanas, in der Stadt und am Fluss — nach Frieden und der Wahrheit über sich selbst.

Kapitel 1: Die Reise beginnt

In einem alten Dorf in Indien lebt ein junger Mann. Sein Name ist Siddhartha. Er ist der Sohn eines Brahmanen, eines wichtigen Priesters. Sein Vater ist weise und streng. Die Menschen im Dorf achten den Vater sehr, und deshalb achten sie auch Siddhartha.

Schon als Kind ist Siddhartha anders als die anderen. Er lernt schnell, er denkt viel nach, und er hat eine besondere Ausstrahlung. Viele sagen: „Er wird einmal ein großer Mann, vielleicht noch größer als sein Vater.“

Siddhartha hat einen besten Freund. Er heißt Govinda. Govinda liebt es, Zeit mit Siddhartha zu verbringen. Er bewundert ihn, weil Siddhartha immer kluge Gedanken hat. Oft gehen die beiden zusammen am Fluss spazieren oder sitzen im Schatten eines Baumes und sprechen über das Leben.

Siddhartha hat alles, was er braucht. Er trägt schöne Kleider, er isst gutes Essen, und die Leute respektieren ihn. Die jungen Mädchen im Dorf mögen ihn auch, denn er ist stark, freundlich und schön.

Er lernt viele Dinge:

  • Er kann die alten Texte lesen und sprechen.
  • Er kennt die Regeln der Religion.
  • Er weiß, wie man Gebete rezitiert.
  • Er übt, still zu sitzen und lange zu meditieren.

Manchmal sitzt er am Fluss und denkt: „Das Wasser fließt immer weiter. Wohin fließe ich? Was ist mein Weg?“

Doch tief in seinem Inneren ist Siddhartha nicht glücklich. Obwohl er viel weiß, fühlt er eine Leere. Er denkt: „Alle sagen, ich bin klug. Aber warum fühle ich keinen Frieden? Warum finde ich die Wahrheit nicht?“

In der Nacht liegt er oft wach. Er hört die Stimmen der Natur: das Rascheln der Blätter, das Rufen der Vögel, das Rauschen des Flusses.

Eines Tages sagt Siddhartha zu Govinda: „Freund, ich habe so viele Lehrer gehabt. Aber keiner konnte mir zeigen, wie man das wahre Ich findet. Ich will meinen eigenen Weg gehen.“

Govinda erschrickt ein wenig. „Dein eigener Weg? Wohin willst du gehen?“, fragt er.

Siddhartha schaut in die Ferne. „Ich weiß es noch nicht genau. Aber mein Herz ruft mich, weiterzugehen.“

Govinda ist still. Er liebt Siddhartha und will ihn nicht verlieren. Aber tief im Inneren weiß er: Siddhartha wird gehen. Und wenn Siddhartha geht, dann will auch er ihm folgen.

Kapitel 2: Bei den Samanas

Am nächsten Morgen spricht Siddhartha mit seinem Vater. Er sagt: „Vater, ich danke dir für alles. Aber ich habe keinen Frieden in meinem Herzen. Ich will fortgehen. Ich will die Wahrheit suchen.“

Der Vater erschrickt. Er liebt seinen Sohn. „Wohin willst du gehen?“, fragt er.

Siddhartha antwortet: „Zu den Samanas. Das sind Männer, die alles aufgebenBesitz, Kleidung, Familie. Sie leben in der Natur, sie fasten und meditieren. Vielleicht können sie mir zeigen, wie man frei wird.“

Der Vater schweigt. Er denkt lange nach. Dann sagt er: „Du bist noch jung. Schlaf eine Nacht darüber. Morgen sagst du mir noch einmal deine Entscheidung.“

In dieser Nacht steht Siddhartha stumm neben der Tür seines Vaters. Er bewegt sich nicht, er sagt kein Wort. Die ganze Nacht steht er dort.

Der Vater sieht ihn im Dunkeln, immer wieder. Und er versteht: „Mein Sohn ist stark. Sein Wille ist wie ein Pfeil. Ich kann ihn nicht halten.“

Am Morgen sagt der Vater: „Geh zu den Samanas. Aber wenn du die Wahrheit findest, komm zu mir zurück und lehre mich.“

Siddhartha verbeugt sich. „Danke, Vater.“

Govinda, sein treuer Freund, hat alles gehört. Er sagt sofort: „Siddhartha, ich gehe mit dir.“

Siddhartha und Govinda verlassen das Dorf. Sie tragen einfache Kleidung, sie haben fast nichts bei sich. Sie laufen lange durch Wälder und Felder.

Nach einigen Tagen finden sie die Samanas. Es sind dünne Männer mit langen Bärten. Ihre Augen sind tief und ernst. Sie haben keine Häuser, sie schlafen im Wald.

Siddhartha sagt: „Wir wollen mit euch leben. Wir wollen lernen, wie man frei wird.“

Das Leben bei den Samanas ist sehr hart:

  • Sie essen fast nichts, manchmal nur ein paar Nüsse oder Wurzeln.
  • Sie trinken Wasser aus dem Fluss.
  • Sie schlafen auf dem Boden.
  • Sie tragen alte, einfache Kleidung.

Siddhartha lernt, den Hunger zu besiegen. Er lernt, Schmerzen zu ertragen. Er lernt, still und stark zu sein.

Aber nach einigen Monaten spürt er wieder eine Leere. Er denkt: „Ja, ich habe meinen Körper besiegt. Aber habe ich die Wahrheit gefunden? Nein. Ich bin immer noch ich selbst. Ich bin nicht frei.“

Kapitel 3: Gotama

Viele Monate leben Siddhartha und Govinda bei den Samanas. Sie fasten, sie meditieren, sie überwinden Hunger und Müdigkeit. Aber Siddhartha ist unruhig. Er denkt: „Wir besiegen den Körper, ja. Aber wir finden nicht die Wahrheit.“

Eines Tages hört man im Land von einem besonderen Mann. Er heißt Gotama, auch „Buddha“ genannt. Die Menschen sagen: „Er hat die Erleuchtung gefunden. Er weiß den Weg zum Frieden.“

Siddhartha wird neugierig. Govinda auch. Sie beschließen: „Wir müssen diesen Mann sehen.“

Siddhartha und Govinda verabschieden sich von den Samanas. Die Samanas sind nicht freundlich. Sie sagen: „Ihr seid jung und ungeduldig. Ihr habt nichts verstanden.“

Doch Siddhartha lächelt nur. So gehen die beiden Freunde viele Tage durch Wälder und Dörfer.

Endlich erreichen sie den Ort, wo Gotama lebt. Sie sehen viele Mönche in gelben Gewändern. Alle gehen langsam, friedlich, schweigend.

Und dann sehen sie ihn: Gotama. Er ist nicht groß, nicht stark, nicht reich. Aber sein Gesicht zeigt tiefen Frieden. Seine Augen sind still wie ein klarer See.

Govinda spürt sofort: „Das ist ein wahrer Lehrer. Ich will sein Schüler sein.“

Am Abend hört Govinda Gotama sprechen. Er ist tief bewegt. Er sagt zu Siddhartha: „Ich bleibe hier. Ich will einer seiner Schüler werden.“

Siddhartha nickt langsam. „Ja, Govinda. Bleib hier. Gotama zeigt dir den Weg, der für dich richtig ist.“

Govinda schaut überrascht. „Und du? Wirst du nicht auch bleiben?“

Siddhartha schüttelt den Kopf. „Gotama hat Frieden gefunden. Aber ich muss meinen eigenen Weg gehen. Ich kann die Wahrheit nicht von einem anderen lernen. Ich muss sie selbst finden.“

Die beiden Freunde umarmen sich lange. Es ist der Anfang einer Trennung, die beide spüren.

Kapitel 4: Erwachen

Siddhartha verlässt Govinda und die Gemeinschaft des Buddha. Er geht allein weiter. Zum ersten Mal seit seiner Kindheit ist er wirklich allein.

Auf dem Weg denkt er lange nach. Er sagt zu sich selbst: „Bisher habe ich immer Lehrer gehabt: meinen Vater, die Brahmanen, die Samanas, den Buddha. Aber keiner von ihnen konnte mir das wahre Ich geben. Immer habe ich draußen gesucht, nicht in mir.“

Jetzt spürt er: „Die Wahrheit finde ich nur in mir selbst. Ich muss mein eigener Lehrer sein.“

Siddhartha geht durch den Wald. Zum ersten Mal sieht er die Welt mit neuen Augen. Die Sonne ist warm und lebendig. Der Himmel ist weit und blau. Der Fluss singt mit seiner klaren Stimme.

Früher wollte Siddhartha die Welt überwinden. Er wollte nicht essen, nicht fühlen, nicht atmen. Jetzt aber spürt er: „Ich bin ein Teil dieser Welt. Ich will sie leben.“

Er fühlt ein tiefes Erwachen in sich. Zum ersten Mal liebt er das Leben, so wie es ist.

Siddhartha denkt an Govinda und an den Buddha. Doch er weiß: „Diese Zeit ist vorbei. Ich bin nicht mehr der Sohn des Brahmanen. Ich bin nur ich – Siddhartha.“

Er fühlt sich wie neu geboren.

Am Abend sitzt er am Fluss. Er schaut ins Wasser und sieht sein Spiegelbild. Er sagt leise: „Dies bin ich. Jetzt beginnt mein eigener Weg.“

Und mit diesem Gedanken schläft er ein – frei, stark und voller Hoffnung.

Kapitel 5: Kamala

Nach seinem Erwachen wandert Siddhartha durch viele Dörfer und Städte. Er sieht Menschen, die lachen, arbeiten, lieben und handeln. Zum ersten Mal interessiert er sich wirklich für das Leben der Menschen.

Er denkt: „Vielleicht finde ich die Wahrheit mitten im Leben.“

Eines Tages kommt Siddhartha in eine große Stadt. Er sieht schöne Häuser, bunte Märkte, reiche Händler. Alles ist neu für ihn, alles ist aufregend.

Doch Siddhartha merkt auch: Er hat nichts. Er trägt nur seine einfache Kleidung, er hat kein Geld und keine Wohnung. Er fragt sich: „Wie soll ich hier leben?“

Am Stadttor begegnet er einer Frau. Sie ist schön, elegant und trägt kostbare Kleider. Ihr Name ist Kamala.

Siddhartha spricht sie mutig an: „Schöne Frau, dein Gesicht ist wie eine Blume. Kannst du mir beibringen, wie man liebt?“

Kamala lacht leise. „Du bist mutig, Fremder. Aber um mit mir zu leben, musst du mehr können. Du brauchst Geld, feine Kleidung und Geschenke. Ohne das kannst du nicht bei mir bleiben.“

Siddhartha denkt nach. Bisher hat er gefastet und meditiert und nichts besessen. Jetzt aber spürt er: „Ich muss lernen, ein Teil dieser Welt zu sein. Ich will Geld verdienen.“

Kamala sieht, dass Siddhartha klug und schön ist. Sie sagt: „Wenn du reich wirst und lernst, wie man mit Menschen umgeht, dann komme zu mir. Ich werde dich vieles lehren.“

Siddhartha nickt. Er geht mit einem neuen Ziel weiter: Er will von der Welt lernen – von Händlern, von Menschen, von Kamala.

Kapitel 6: Bei den Kaufleuten

Siddhartha weiß: Wenn er bei Kamala leben will, muss er Geld verdienen. Also sucht er einen Lehrer im Handel.

Kamala hilft ihm. Sie bringt Siddhartha zu einem Kaufmann namens Kamaswami. Er ist alt, sehr reich und hat viele Geschäfte.

Kamaswami schaut Siddhartha skeptisch an. „Du bist arm, du hast keine Erfahrung im Handel. Warum sollte ich dich aufnehmen?“

Siddhartha antwortet ruhig: „Ich kann lesen und schreiben. Ich kann denken und sprechen. Und ich habe Geduld.“

Kamaswami sieht, dass Siddhartha eine besondere Ruhe hat. Schließlich sagt er: „Gut, du kannst bei mir arbeiten.“

So beginnt Siddhartha ein neues Leben. Er trägt nun schöne Kleider, er wohnt in einem großen Haus. Er lernt, wie man handelt, wie man Preise verhandelt und Verträge schreibt.

Kamaswami ist streng und ungeduldig, aber Siddhartha bleibt immer ruhig. Er denkt: „Geld kommt, Geld geht. Wichtiger ist, ruhig zu bleiben.“

Siddhartha besucht oft Kamala. Sie lehrt ihn die Kunst der Liebe. Aber nicht nur das – sie zeigt ihm auch, wie man das Leben genießt:

  • schöne Kleidung tragen,
  • gutes Essen kosten,
  • Musik hören,
  • Feste feiern.

Siddhartha merkt: „Das ist eine andere Art von Lehre. Nicht durch Fasten oder Meditation, sondern durch das Leben selbst.“

Trotz allem bleibt Siddhartha innerlich frei. Er arbeitet mit Geld, aber er hängt nicht daran. Er genießt Freude, aber er wird nicht süchtig danach.

Die Menschen in der Stadt sagen: „Dieser Siddhartha ist anders als wir. Er lebt mit uns, aber er gehört doch nicht ganz zu uns.“

Und Siddhartha denkt manchmal: „Noch habe ich die Wahrheit nicht gefunden. Aber der Weg geht weiter.“

Kapitel 7: Im Kreislauf der Welt

Viele Jahre lebt Siddhartha nun in der Stadt. Er verdient viel Geld, und er besucht oft Kamala. Er trägt die feinsten Kleider und isst die besten Speisen.

Doch mit der Zeit verändert er sich. Langsam wird er ein Teil der Welt der Reichen.

Am Anfang hat Siddhartha gedacht: „Ich bleibe frei, auch wenn ich Geld und Freude habe.“

Aber nach einigen Jahren merkt er:

  • Er liebt das Spiel mit dem Geld.
  • Er genießt Wein, Feste und Frauen.
  • Er lacht laut und wird oft ungeduldig.

Er spielt sogar Glücksspiele. Manchmal gewinnt er viel, manchmal verliert er fast alles. Und in seinem Herzen spürt er: „Ich werde wie alle anderen. Ich verliere meine Ruhe.“

Siddhartha ist nun nicht mehr der einfache, freie Mensch von früher. Er schläft lange, er isst viel, er wird bequem. Er hat immer noch Geld und Freunde, aber er spürt eine Leere.

Eines Nachts hat Siddhartha einen seltsamen Traum. Er sieht einen kleinen Vogel in einem goldenen Käfig. Der Vogel singt traurig, dann fällt er tot auf den Boden.

Als Siddhartha aufwacht, fühlt er große Angst. Er denkt: „Der Vogel – das bin ich. Ich sitze in einem goldenen Käfig, gefangen im Luxus.“

Dieser Traum macht ihm große Angst. Er erkennt: „Ich habe mich verloren. Ich habe mein wahres Ziel vergessen.“

Am nächsten Morgen weiß er: „Ich muss weggehen. So wie ich einst meinen Vater verließ, so verlasse ich nun auch diese Stadt.“

Ohne Abschied, ohne Gold, ohne Freunde verlässt er die Stadt. Doch er fühlt auch: „Vielleicht ist das ein neuer Anfang.“

Kapitel 8: Am Fluss

Siddhartha verlässt die Stadt. Er ist müde, sein Herz ist leer. Viele Jahre hat er im Luxus gelebt, und jetzt fühlt er nur Ekel und Scham.

Er denkt: „Ich habe mich verloren. Ich bin ein Spieler, ein Gieriger, ein Müder geworden.“

Er geht ohne Ziel durch Wälder und Felder. Alles, was er gelernt hat, erscheint ihm sinnlos.

Nach langem Wandern kommt er zu einem großen Fluss. Das Wasser rauscht, klar und stark. Siddhartha setzt sich am Ufer nieder.

Er schaut ins Wasser und denkt: „Ich kann nicht mehr. Mein Leben ist zerstört.“

Doch plötzlich, tief in seinem Inneren, hört er ein Wort: „Om.“ Das alte heilige Wort, das er seit seiner Kindheit kennt. Sein Geist erwacht.

Siddhartha bleibt still am Ufer liegen. Er schläft tief und fest. Zum ersten Mal seit vielen Jahren schläft er ohne Sorgen und ohne Angst.

Als er wieder aufwacht, fühlt er sich wie neu geboren. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die Vögel singen. Er lächelt und sagt: „Ich lebe noch. Das Leben beginnt neu.“

Bald begegnet Siddhartha einem Mann am Fluss. Es ist der Fährmann. Er ist einfach gekleidet, sein Gesicht ist freundlich, seine Augen ruhig.

Der Fährmann gibt ihm Wasser und etwas zu essen. Er sagt: „Bleib hier, wenn du willst. Der Fluss hat viel zu lehren.“

Siddhartha spürt sofort: Dieser Mann ist weise – nicht durch Bücher oder Geld, sondern durch das Leben selbst.

Am Abend sitzt Siddhartha lange am Wasser. Er hört das Rauschen des Flusses und denkt: „Der Fluss fließt immer weiter. Manchmal ruhig, manchmal wild. So ist auch das Leben. Und ich darf wieder neu beginnen.“

Kapitel 9: Der Fährmann

Siddhartha bleibt beim Fluss. Der Fährmann heißt Vasudeva. Er lebt allein in einer kleinen Hütte. Sein Leben ist einfach: Er rudert Menschen über den Fluss, er hört zu, er schweigt viel.

Siddhartha sagt: „Dein Leben gefällt mir. Kann ich bei dir bleiben und von dir lernen?“

Vasudeva nickt. „Der Fluss ist mein Lehrer. Wenn du wirklich hören willst, dann bleib.“

Von nun an lebt Siddhartha beim Fährmann. Er hilft beim Rudern und beim Reparieren des Bootes. Das Leben ist schlicht, aber voller Frieden.

Vasudeva sagt oft: „Höre dem Fluss zu. Er spricht zu jedem, der ihn hören will.“

Siddhartha beginnt, genau hinzuhören. Er hört das Wasser leise plätschern, dann wieder laut rauschen. Er hört viele Stimmen im Wasser – Freude, Schmerz, Leben, Tod. Langsam versteht er: Der Fluss ist wie das Leben selbst.

Viele Menschen kommen zum Fährmann: Bauern, Händler, Reisende. Manche sind glücklich, manche traurig, manche wütend.

Siddhartha sieht sie und merkt: „Jeder trägt seinen eigenen Weg in sich. Niemand kann für den anderen gehen.“

Die Menschen spüren, dass Siddhartha anders ist. Er spricht nicht viel, aber wenn er etwas sagt, ist es ruhig und klar. Darum vertrauen sie ihm und erzählen ihm ihre Sorgen.

Eines Tages fragt Siddhartha Vasudeva: „Was lehrt uns der Fluss wirklich?“

Vasudeva lächelt und antwortet: „Der Fluss zeigt uns, dass alles eins ist. Es gibt keine Vergangenheit und keine Zukunft – alles ist jetzt. Das Wasser fließt, aber es ist immer dasselbe Wasser.“

Siddhartha denkt lange darüber nach. Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist sein Herz leicht und voller Ruhe.

Kapitel 10: Der Sohn

Viele Jahre lebt Siddhartha ruhig am Fluss mit Vasudeva. Sein Herz ist friedlich geworden. Doch eines Tages bringt das Schicksal eine große Veränderung.

Auf einer Pilgerreise zu Buddha Gotama beißt eine Schlange Kamala. Sie ist schwer verletzt. Man trägt sie zum Fluss, und dort erkennt sie Siddhartha wieder.

Kamala sieht ihn und sagt schwach: „Siddhartha, lange habe ich dich nicht gesehen …“

Siddhartha pflegt sie und gibt ihr Wasser. Aber die Wunde ist zu stark. Kurz bevor sie stirbt, zeigt sie auf einen jungen Jungen an ihrer Seite. „Das ist dein Sohn … er heißt auch Siddhartha.“

Dann stirbt Kamala in Frieden.

Der Junge ist etwa elf Jahre alt. Er ist verwöhnt, trägt feine Kleidung und kennt das harte Leben nicht.

Siddhartha ist tief bewegt, aber auch voller Liebe. „Mein Sohn!“, sagt er leise.

Von nun an lebt der Junge bei Siddhartha und Vasudeva am Fluss. Siddhartha ist glücklich, endlich Vater zu sein.

Doch das Leben mit dem Sohn ist nicht leicht. Der Junge ist trotzig und stur. Er will nicht im einfachen Haus wohnen, er vermisst die Stadt. Er mag das harte Leben nicht: das Holz hacken, das Rudern, das einfache Essen.

Siddhartha versucht geduldig zu sein. Er liebt ihn zu sehr, um ihn zu bestrafen. Doch oft leidet er still, wenn der Sohn ihn wegstößt.

Eines Tages läuft der Junge fort. Er will zurück in die Stadt. Siddhartha spürt es im Herzen, doch er lässt ihn gehen. Er weiß: „Niemand kann für den anderen leben. Auch mein Sohn muss seinen eigenen Fluss finden.“

Trotzdem ist Siddhartha tief verletzt. Seine Liebe zu dem Jungen wird zu Schmerz. Zum ersten Mal versteht er, was es bedeutet, lieben und verlieren zu müssen.

Vasudeva tröstet ihn. „Der Fluss kennt auch diesen Schmerz“, sagt er. „Höre hin, Siddhartha. Alles fließt in den Fluss zurück.“

Siddhartha hört wieder das Rauschen des Wassers. Und er fühlt: Auch dieser Schmerz gehört zum Leben. Er macht ihn reifer, tiefer, menschlicher.

Kapitel 11: Om

Nach dem Fortgang seines Sohnes ist Siddhartha voller Schmerz. Er denkt Tag und Nacht an den Jungen. Manchmal sieht er sein Gesicht im Wasser.

Aber langsam beginnt er zu verstehen: „So wie ich meinen Weg gehen musste, so muss auch er seinen eigenen gehen. Ich muss ihn loslassen.“

Siddhartha verbringt viel Zeit am Fluss. Er hört das Wasser mit offenen Ohren. Manchmal klingt es wie Lachen, manchmal wie Weinen, manchmal wie Gesang.

Eines Tages, während er zuhört, spürt er plötzlich: Im Fluss sind alle Stimmen zugleich. Die Freude, der Schmerz, die Liebe, der Tod – alles ist eins.

Da erkennt er: „Es gibt keine Trennung. Alles Leben ist verbunden.“

Das heilige Wort „Om“ erklingt in ihm, stark und klar. Und Siddhartha fühlt, dass er angekommen ist.

Von da an lebt Siddhartha still und friedlich. Er rudert Menschen über den Fluss, er hört ihnen zu. Viele Menschen finden Trost in seiner ruhigen Gegenwart.

Die Leute sagen: „Dieser Fährmann ist kein gewöhnlicher Mann. Er hat etwas in sich gefunden, das wir alle suchen.“

Eines Abends spürt Vasudeva, dass seine Zeit gekommen ist. Er sagt zu Siddhartha: „Ich habe dir gezeigt, wie man dem Fluss zuhört. Nun bist du bereit, allein weiterzugehen. Meine Aufgabe ist erfüllt.“

Am nächsten Morgen geht Vasudeva in den Wald. Er verschwindet still, so wie er gelebt hat – einfach und friedlich.

Siddhartha bleibt allein am Fluss zurück, aber er fühlt keinen Schmerz. Denn er weiß: Vasudeva ist eins geworden mit dem Fluss, mit allem Leben.

Kapitel 12: Govinda

Viele Jahre sind vergangen. Siddhartha lebt immer noch am Fluss. Er ist alt geworden, sein Haar ist grau, sein Gesicht voller Falten. Doch seine Augen sind klar und freundlich.

Eines Tages kommt ein alter Mönch an den Fluss. Es ist Govinda, Siddharthas alter Freund. Govinda ist Schüler des Buddha geblieben.

Als sie sich erkennen, umarmen sich die beiden alten Männer. Govinda sagt: „Siddhartha, mein Freund! Dein Gesicht zeigt Frieden. Hast du die Wahrheit gefunden?“

Siddhartha lächelt. „Ich habe gelernt, Govinda. Nicht durch Lehrer, nicht durch Bücher, sondern durch das Leben selbst. Der Fluss war mein Lehrer, die Liebe, der Schmerz – alles war meine Schule.“

Govinda ist neugierig. „Was ist deine Lehre?“

Siddhartha antwortet: „Es gibt keine einzelne Lehre. Die Wahrheit kann man nicht in Worte fassen. Sie ist nicht in den Büchern, nicht in den Regeln. Sie ist in jedem Menschen, in jedem Augenblick, in allem, was lebt.“

Govinda versteht nicht alles. Er sagt: „Bitte, gib mir etwas, das mir hilft.“

Siddhartha sagt: „Komm näher, Freund.“

Govinda neigt sich zu ihm. Siddhartha berührt seine Stirn und küsst ihn sanft.

In diesem Augenblick hat Govinda eine Vision: Er sieht unzählige Gesichter in Siddharthas Gesicht – Männer, Frauen, Kinder, Tiere, Tote und Lebende. Alle sind eins, verbunden im großen Fluss des Lebens.

Tränen laufen Govinda über das Gesicht. Er spürt eine tiefe Wahrheit, die er nie in Worten gehört hat. Und er versteht: Siddhartha hat gefunden, wonach er suchte.

Die beiden alten Freunde sitzen schweigend am Fluss. Die Sonne geht langsam unter, das Wasser rauscht friedlich.

Govinda fühlt zum ersten Mal in seinem Leben vollkommenen Frieden. Und Siddhartha lächelt still, weil er weiß: Der Weg ist vollendet.

Wortschatz
Bild hinzufügen
B2
Definition
Beispiel
Scroll to Top