Der Prozess
Josef K. wird eines Morgens verhaftet, ohne zu wissen, warum. In einer einfachen B1-Fassung erzählt Kafkas Roman, wie ein unschuldiger Mann gegen ein geheimnisvolles Gericht kämpft — und langsam die Kontrolle über sein Leben verliert.
Eines Morgens haben zwei Männer Josef K. plötzlich geweckt. Josef K. war gerade 30 Jahre alt.
Die Männer haben gesagt: „Sie dürfen nicht aufstehen. Sie sind verhaftet.“
Josef K. war total überrascht. „Was? Warum bin ich verhaftet? Ich habe doch nichts falsch gemacht“, hat er gesagt.
Die Männer haben ihm keine richtige Antwort gegeben. „Wir machen nur unsere Arbeit. Mehr dürfen wir Ihnen nicht sagen“, haben sie erklärt.
Josef K. musste sich anziehen. Danach haben sich die Männer einfach in sein Zimmer gesetzt. Er war unsicher und ist immer nervöser geworden.
Er durfte die Wohnung nicht verlassen. Die beiden Männer haben ihn die ganze Zeit beobachtet. Sie waren nicht direkt unfreundlich. Sie haben sogar freundlich mit ihm gesprochen, aber sie haben auch Witze über ihn gemacht. Josef K. hat sich sehr unwohl gefühlt.
Nach einiger Zeit ist der Aufseher gekommen. Er hat gesagt: „Ihr Prozess beginnt bald.“
Josef K. hat überhaupt nichts verstanden. „Prozess? Was für ein Prozess? Ich habe doch nichts getan!“, hat er gerufen.
Der Aufseher hat ihm fast nichts erklärt. Er hat nur gesagt: „Wir sind nicht hier, um Ihre Fragen zu beantworten. Wir führen nur Befehle aus.“
Dann durfte Josef K. kurz ins Nachbarzimmer gehen. Dort war Frau Grubach, seine Vermieterin. Sie sah neugierig aus, aber auch ein bisschen besorgt.
„Herr K., was ist denn passiert?“, hat sie gefragt. Josef K. hat geantwortet: „Ich weiß es selbst nicht. Diese Männer sagen, ich sei verhaftet.“
Frau Grubach hat den Kopf geschüttelt. „Das ist doch Unsinn. Sie sind ein guter Mieter und ein ordentlicher Mensch.“
Josef K. ist dadurch etwas ruhiger geworden. Trotzdem war er immer noch sehr verwirrt.
Die Männer haben Josef K. in ein anderes Zimmer gebracht. Dort stand ein Tisch mit Brot, Butter und kaltem Fleisch. „Essen Sie ruhig etwas“, haben die Männer gesagt.
Josef K. hat sich hingesetzt und gedacht: Das ist alles sehr merkwürdig. Warum werde ich verhaftet, aber bekomme trotzdem Frühstück?
Während er gegessen hat, haben die Männer leise miteinander gesprochen. Josef K. hat nur einzelne Wörter gehört: „Gericht“, „Anordnung“, „Bericht“. Das hat ihn noch nervöser gemacht.
Nach dem Essen haben sie gesagt: „Der Aufseher will mit Ihnen sprechen.“ Josef K. musste ins Wohnzimmer gehen. Dort saß ein Mann in schwarzer Kleidung. Es war der Aufseher. Er sah streng aus, aber nicht wirklich unfreundlich.
Der Aufseher hat gesagt: „Sie sind angeklagt. Das Gericht wird Ihren Fall prüfen.“
Josef K. hat wieder gefragt: „Aber warum? Was habe ich getan?“ Der Aufseher hat kalt gelächelt. „Das müssen Sie jetzt nicht wissen. Im Laufe des Prozesses werden Sie es verstehen.“
Josef K. war schockiert. Für ihn hat sich alles wie ein Traum angefühlt.
Im Wohnzimmer saßen auch drei junge Männer auf dem Sofa. Sie haben ihn neugierig beobachtet und manchmal leise gelacht. Josef K. hat sich gefühlt, als würde man ihn wie ein Tier im Zoo anschauen.
Der Aufseher hat erklärt: „Sie kommen heute nicht ins Gefängnis. Sie dürfen weiterarbeiten. Aber Sie sind angeklagt, und das Gericht wird sich weiter mit Ihnen beschäftigen.“
Josef K. hat immer noch nicht verstanden, was los war. „Kann ich mit einem Richter sprechen? Ich will wissen, wofür ich angeklagt bin“, hat er gesagt.
Der Aufseher hat den Kopf geschüttelt. „Das ist nicht nötig. Der Prozess läuft. Alles Weitere erfahren Sie später.“
Dann haben die Männer Josef K. seine Sachen zurückgegeben. Er durfte die Wohnung verlassen. Aber er wusste: Etwas Gefährliches hatte angefangen. Er war frei — und gleichzeitig war er nicht frei.
Josef K. ist zurück in sein Zimmer gegangen. Die Männer haben noch gelacht und über ihn gesprochen, aber er hat ihnen nicht mehr richtig zugehört.
Er hat sich auf sein Bett gesetzt und gedacht: Das kann doch nicht wahr sein. Ich bin unschuldig. Aber jetzt habe ich einen Prozess. Was soll das bedeuten?
Dann hat er an seine Arbeit in der Bank gedacht. Er wusste, dass er am nächsten Tag pünktlich dort sein musste. Also ist er aufgestanden, hat sich gewaschen und sich ordentlich angezogen.
„Ich lasse mich nicht einschüchtern“, hat er laut zu sich selbst gesagt. „Wenn das Gericht mich ruft, werde ich hingehen. Aber ich werde zeigen, dass ich unschuldig bin.“
Mit diesem Entschluss hat er sich ein bisschen stärker gefühlt. Doch tief in ihm war immer noch eine große Angst.
Eine Woche nach der Verhaftung hat Josef K. plötzlich einen Brief bekommen. In dem Brief stand nur eine kurze Nachricht: „Am Sonntag, neun Uhr, Untersuchung. Ort wird Ihnen bekannt sein.“
Josef K. war überrascht. Was soll das bedeuten?, hat er gedacht. Wo soll ich denn hingehen? Da steht kein genauer Ort, nur eine Uhrzeit.
Am Sonntagmorgen hat er unruhig gewartet. Er war nervös, aber er wollte trotzdem stark wirken. Deshalb hat er seinen besten Anzug angezogen.
Dann hat er das Haus verlassen und ist durch die Straßen gegangen. Er wusste nicht genau, wohin.
Plötzlich hat er bemerkt, dass ein kleiner Junge ihn angeschaut hat und dann schnell weggelaufen ist. Josef K. ist dem Jungen gefolgt. Und tatsächlich: Der Junge hat ihn zu einem alten, grauen Mietshaus geführt.
Oben im Dachgeschoss hat Josef K. eine Tür geöffnet. Dahinter war ein kleiner Saal voller Menschen. Ein Mann hat laut gerufen: „Josef K.! Treten Sie vor!“
Josef K. war schockiert. Das war also diese „Untersuchung“.
Im Saal war es laut und unruhig. Viele Menschen saßen auf einfachen Holzbänken. Einige haben miteinander geredet, andere haben Josef K. neugierig angeschaut.
Vorne stand ein Richter hinter einem Tisch. Er hat mit der Hand auf den Tisch geklopft und gerufen: „Ruhe im Saal! Der Angeklagte Josef K. ist hier.“
Josef K. ist nach vorne gegangen. Er hat sich schwach gefühlt, aber er hat versucht, ruhig zu bleiben. „Warum bin ich angeklagt?“, hat er laut gefragt. „Ich habe nichts getan! Das wissen Sie doch alle.“
Die Leute im Saal haben gelacht und getuschelt. Der Richter ist aber ernst geblieben. „Sie sind hier, weil das Gericht es angeordnet hat“, hat er gesagt. „Ob Sie schuldig oder unschuldig sind, wird der Prozess zeigen.“
Josef K. hat gemerkt, dass ihm niemand wirklich zuhört. Er wollte weiterreden, aber die Menge ist immer lauter geworden. Manche haben gerufen: „Schuldig! Schuldig!“ Andere haben ihn einfach nur neugierig angeschaut.
Josef K. hat gedacht: Das ist doch kein echtes Gericht. Das ist einfach nur Chaos.
Er hat versucht, die Kontrolle zu behalten. Er hat die Hand gehoben und laut gerufen: „Dieses Gericht kann man doch nicht ernst nehmen! Es gibt keine klaren Regeln, keine Beweise und nicht einmal eine richtige Anklage. Ich bleibe hier nicht länger stehen und lasse mich lächerlich machen!“
Plötzlich ist es im Saal still geworden. Alle haben ihn überrascht angeschaut. Der Richter hat schwach gelächelt und gesagt: „Sie können so viel sprechen, wie Sie wollen. Aber das Gericht hört nur das, was es hören will.“
Da ist Josef K. richtig wütend geworden. „Dann gehe ich!“, hat er gerufen. Ohne Erlaubnis hat er sich umgedreht und den Saal verlassen. Einige Leute haben ihm nachgerufen, andere haben wieder gelacht. Aber niemand hat ihn aufgehalten.
Draußen hat Josef K. tief durchgeatmet. Er hat sich frei gefühlt, aber gleichzeitig auch unsicher. Was bedeutet das alles?, hat er sich gefragt. Bin ich wirklich angeklagt? Oder ist das alles nur ein Spiel?
Josef K. ist schnell aus dem Haus gegangen. Draußen auf der Straße war wieder das normale Leben: Kinder haben gespielt, Händler haben ihre Waren gerufen, Pferdewagen sind vorbeigefahren. Aber für Josef K. war nichts mehr normal.
Er hat gedacht: Ich habe den Saal verlassen. Aber der Prozess geht trotzdem weiter. Ich kann ihn nicht stoppen.
Auf dem Heimweg hat er seine Nachbarin Frau Grubach getroffen. Sie hat freundlich gefragt: „Herr K., Sie sehen müde aus. Geht es Ihnen gut?“
Josef K. hat schwach gelächelt. „Ja, es geht schon. Ich war nur bei einer seltsamen Versammlung.“ Er wollte nicht über den Prozess sprechen. Er hat sich geschämt und hatte das Gefühl, beobachtet zu werden.
Zu Hause hat er sich an den Tisch gesetzt. Er wusste: Dieses Gericht war geheimnisvoll und mächtig. Und egal, wie sehr er dagegen kämpfte — es würde ihn nicht in Ruhe lassen.
Am nächsten Sonntag wollte Josef K. wieder zur Untersuchung gehen. Er hat gedacht: Vielleicht kann ich diesmal etwas verstehen.
Er ist wieder zu dem alten Mietshaus gegangen und die vielen Treppen hochgestiegen. Aber als er die Tür geöffnet hat, war der Saal leer. Keine Menschen, kein Richter, keine Zuschauer.
Die Fenster waren offen. Es hat nach Staub und alten Möbeln gerochen. Auf den Bänken lag ein bisschen Papier, als hätte jemand es vergessen.
Josef K. hat sich hingesetzt und gewartet. Aber niemand ist gekommen. Nach einer Weile ist er aufgestanden und durch den Raum gegangen.
Warum ist hier niemand?, hat er gedacht. Ist das ein Fehler? Oder eine Falle? Er hat sich unsicher gefühlt.
Trotzdem hat er beschlossen: Ich werde wiederkommen. Ich darf den Prozess nicht einfach ignorieren.
Am nächsten Tag hat Josef K. immer noch über den leeren Saal nachgedacht. Er hat niemandem davon erzählt, auch Frau Grubach nicht.
Am Abend ist er wieder in das Mietshaus gegangen. Diesmal hat er oben im Dachgeschoss einen anderen offenen Raum gefunden. Dort war es eng und dunkel. Überall lagen Bücher und Akten herum. Ein Mann in einfacher Kleidung saß an einem Tisch. Er sah müde aus, aber freundlich.
„Sind Sie Josef K.?“, hat er gefragt. Josef K. hat vorsichtig genickt. Der Mann hat gesagt: „Ich bin ein Gerichtsdiener. Sie sollten den Saal gestern leer finden. Das Gericht prüft Sie auch, wenn Sie allein sind.“
Josef K. war erstaunt. „Wie soll das gehen? Ohne Richter, ohne Zeugen?“ Der Diener hat geheimnisvoll gelächelt. „Das Gericht sieht mehr, als Sie glauben.“
Josef K. hat sich dem Gerichtsdiener gegenüber hingesetzt. Er wollte mehr verstehen. „Erklären Sie mir bitte, wie dieses Gericht arbeitet“, hat er gesagt.
Der Diener hat den Kopf geschüttelt. „Ich darf nicht viel sagen. Wir haben strenge Regeln. Aber eins kann ich Ihnen verraten: Das Gericht arbeitet langsam und gleichzeitig unaufhörlich. Es sammelt alle Informationen über Sie.“
Josef K. ist unruhig geworden. „Aber ich habe nichts zu verbergen! Ich bin unschuldig!“ Der Diener hat ihn angesehen, fast ein bisschen mitleidig. „Viele sagen das. Aber das Gericht findet immer etwas.“
Josef K. ist aufgestanden. Plötzlich hat er sich in dem dunklen Raum eingeengt gefühlt. „Dann muss ich selbst kämpfen“, hat er entschlossen gesagt. „Ich werde nicht einfach warten.“
Der Diener hat still genickt, als hätte er das schon sehr oft gehört.
Josef K. hat den dunklen Raum verlassen. Auf dem Flur ist er kurz stehen geblieben. Er hat Stimmen hinter anderen Türen gehört, aber er konnte nichts verstehen.
Langsam ist er die Treppen hinuntergegangen. Im Haus hat es nach Suppe gerochen, weil die Nachbarn ihr Abendessen gekocht haben. Alles hat ganz normal gewirkt. Und trotzdem wusste Josef K., dass nichts normal war.
Das Gericht beobachtet mich, hat er gedacht. Auch wenn ich es nicht sehe, ist es da.
Auf der Straße hat er tief durchgeatmet. Er war müde, aber auch entschlossen. „Ich werde kämpfen“, hat er leise zu sich selbst gesagt. „Ich werde nicht aufgeben, egal wie geheimnisvoll dieses Gericht ist.“ Doch tief in seinem Herzen hatte er Angst. Denn er wusste: Der Prozess hatte gerade erst angefangen.
Nach den ersten Untersuchungen ist Josef K. wieder nach Hause gekommen. Dort hat seine Vermieterin, Frau Grubach, auf ihn gewartet. Sie war eine ältere Frau, freundlich, aber auch ziemlich neugierig.
„Herr K.“, hat sie vorsichtig gesagt, „ich habe gehört, dass bei Ihnen seltsame Dinge passieren. Stimmt es, dass Sie Ärger mit dem Gericht haben?“
Josef K. ist rot geworden. „Das ist nur ein Missverständnis“, hat er schnell geantwortet. „Sie müssen sich keine Sorgen machen.“
Frau Grubach hat genickt, aber sie hat ihm nicht ganz geglaubt. „Sie sind ein ordentlicher Mieter, Herr K. Ich hoffe wirklich, dass es nichts Ernstes ist.“
Am Abend hat Josef K. im Flur seine Nachbarin Fräulein Bürstner getroffen. Sie war jung, hübsch und hat als Sekretärin gearbeitet. Josef K. mochte sie schon lange, aber er hatte nie viel mit ihr gesprochen.
„Guten Abend, Fräulein Bürstner“, hat er nervös gesagt. „Darf ich kurz mit Ihnen reden? Es ist wichtig.“ Sie hat ihn überrascht angeschaut, aber dann genickt. „Kommen Sie herein.“
Josef K. ist in ihr Zimmer gegangen. Es war klein, aber ordentlich. Auf dem Tisch lagen Schreibpapiere, Bücher und ein Hut. „Bitte setzen Sie sich“, hat sie gesagt. Josef K. hat sich gesetzt, aber er wirkte unruhig.
„Heute ist etwas Merkwürdiges passiert“, hat er angefangen. Dann hat er ihr von der Verhaftung und vom Gericht erzählt. Er hat schnell gesprochen, fast ohne Pause.
Fräulein Bürstner hat aufmerksam zugehört. Manchmal hat sie die Stirn gerunzelt, manchmal hat sie den Kopf geschüttelt. „Das klingt unglaublich“, hat sie schließlich gesagt. „Aber vielleicht ist es besser, wenn Sie vorsichtig sind und nicht zu viel darüber sprechen.“
Josef K. hat genickt. „Sie haben recht. Aber ich musste es jemandem erzählen. Ich vertraue Ihnen.“ Er hat sich nach vorne gebeugt, als wollte er ihre Hand nehmen, aber dann hat er sie doch wieder zurückgezogen.
Fräulein Bürstner ist aufgestanden und zum Fenster gegangen. „Es ist spät, Herr K.“, hat sie leise gesagt. „Wir sollten dieses Gespräch ein anderes Mal fortsetzen.“
Josef K. ist langsam aufgestanden. Er hat gemerkt, dass Fräulein Bürstner nervös war. „Entschuldigen Sie bitte“, hat er gesagt. „Ich wollte Sie nicht stören. Aber es hat mir gutgetan, mit Ihnen zu sprechen.“
Fräulein Bürstner hat kurz genickt. Sie hat schwach gelächelt, aber man hat gesehen, dass sie lieber allein sein wollte.
Josef K. ist zur Tür gegangen. Bevor er hinausgegangen ist, hat er sich noch einmal umgedreht. „Danke, dass Sie mir zugehört haben“, hat er leise gesagt. Dann hat er das Zimmer verlassen und die Tür hinter sich geschlossen.
Im Flur ist er kurz stehen geblieben. Er hat sich gleichzeitig erleichtert und beschämt gefühlt. Warum habe ich ihr das alles erzählt?, hat er gedacht. Vielleicht war das ein Fehler.
Aber tief in sich hatte er auch ein bisschen Hoffnung: Vielleicht konnte Fräulein Bürstner ihm eines Tages helfen.
Am nächsten Tag ist Josef K. wie gewohnt in die Bank gekommen, wo er gearbeitet hat. Aber an diesem Tag war die Stimmung merkwürdig. Die Kollegen haben geflüstert, und manche haben ihn neugierig angeschaut.
Am Nachmittag hat ihn ein Diener gerufen: „Herr K., bitte kommen Sie in die Lagerräume.“ Josef K. war verwundert, ist dem Diener aber gefolgt.
Dort, in dem dunklen Lagerraum, hat er zwei Männer gesehen. Es waren dieselben Wächter, die am Tag seiner Verhaftung bei ihm gewesen waren.
Sie standen halb nackt da. Neben ihnen stand ein kräftiger Mann mit einer Peitsche in der Hand.
„Was passiert hier?“, hat Josef K. erschrocken gefragt. Der Mann mit der Peitsche hat erklärt: „Diese Wächter haben sich schlecht benommen. Sie sollen bestraft werden.“
Die beiden Wächter haben sofort gerufen: „Herr K., helfen Sie uns! Wir haben doch nur Ihre Befehle ausgeführt!“
Josef K. war entsetzt. „Das ist ein Irrtum! Sie dürfen sie nicht schlagen!“ Aber der Prügler hat nur gelacht und die Peitsche gehoben.
Dann hat er mit der Peitsche auf die beiden Wächter eingeschlagen. Sie haben laut vor Schmerz geschrien. Josef K. hat sich die Ohren zugehalten und gerufen: „Hören Sie sofort auf! Ich übernehme die Verantwortung!“
Aber der Prügler hat den Kopf geschüttelt. „Das ist nicht Ihre Sache. Das ist ein Befehl vom Gericht.“
Die Wächter sind auf die Knie gefallen und haben gebettelt: „Herr K., bitte tun Sie etwas! Sie sind doch unschuldig, und wir auch!“
Josef K. hat sich hilflos gefühlt. Er wollte eingreifen, aber er wusste nicht wie. Wenn er den Prügler stoppt, konnte er selbst in Gefahr geraten.
Am Ende ist er verzweifelt aus dem Raum gelaufen. Das Gericht verfolgt nicht nur mich, hat er gedacht. Es zerstört auch die Menschen um mich herum.
Josef K. ist schnell die Treppen hinaufgegangen, zurück in die Bank. Er wollte die Schreie der Wächter nicht mehr hören.
Doch am nächsten Tag ist er wieder in den Lagerraum gegangen — und dort hat er dieselbe Szene gesehen: Die beiden Wächter standen wieder dort, nackt und verängstigt, und der Prügler hatte wieder die Peitsche in der Hand.
„Schon wieder?“, hat Josef K. erschrocken gerufen. „Das ist doch unmenschlich! Hört das denn niemals auf?“ Der Prügler hat nur gelacht und die Peitsche wieder gehoben.
Es war, als würde die Strafe immer wieder von Neuem beginnen — Tag für Tag. Josef K. ist aus dem Raum gerannt, ohne weiter hinzuschauen. Er war verzweifelt.
Das Gericht ist grausam und unlogisch, hat er gedacht. Es gibt keine Gerechtigkeit, nur Angst und Strafe.
Mit schweren Schritten ist er an seinen Arbeitsplatz zurückgegangen. Aber er wusste: Sein Leben war nicht mehr normal — und es würde nie wieder normal werden.
Eines Morgens hat Josef K. überraschend Besuch von seinem Onkel Karl bekommen. Der Onkel war ein älterer, energischer Mann. Schon an der Tür hat er laut gesagt: „Josef, was machst du da eigentlich für Sachen? Ich habe von deinem Prozess gehört!“
Josef K. ist erschrocken. „Woher wissen Sie das?“, hat er gefragt. „In der Familie redet man schon darüber“, hat der Onkel streng geantwortet. „Das ist eine Schande für uns alle. Du brauchst dringend einen Anwalt.“
Josef K. hat versucht, sich zu verteidigen. „Onkel Karl, ich habe nichts getan. Das ist nur ein Missverständnis.“ Aber der Onkel wollte das nicht hören. „Unsinn! Das Gericht ist gefährlich. Wenn du dich nicht verteidigst, bist du verloren!“
Er hat Josef K. am Arm genommen und ihn fast aus der Wohnung gezogen. „Komm mit. Ich bringe dich zu einer Anwältin, die ich kenne. Sie kann dir helfen.“
Onkel Karl hat Josef K. durch mehrere Straßen geführt. Schließlich sind sie zu einem großen, aber etwas alten Haus gekommen. Dort wohnte die Anwältin, eine Frau namens Huld.
Als sie hineingegangen sind, hat es nach Medikamenten gerochen. In einem dunklen Zimmer lag Herr Huld, der Anwalt selbst, krank im Bett. Neben ihm saß seine Frau, die Anwältin. Sie war elegant und hatte ein ernstes Gesicht.
Onkel Karl hat Josef K. sofort vorgestellt: „Das ist mein Neffe. Er braucht dringend Ihre Hilfe. Das Gericht verfolgt ihn, und er versteht überhaupt nichts von der Sache.“
Die Anwältin hat langsam genickt. „Ich kenne solche Fälle“, hat sie gesagt. „Das Gericht arbeitet im Verborgenen. Es ist schwer, dagegen anzukämpfen.“
Josef K. hat aufmerksam zugehört. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass jemand wirklich etwas wusste.
Die Anwältin hat sich an den Tisch gesetzt und ernst mit Josef K. gesprochen. „Wenn Sie wollen, kann ich Ihren Fall übernehmen. Aber Sie müssen geduldig sein. Das Gericht arbeitet langsam, und solche Prozesse dauern oft viele Jahre.“
Josef K. hat die Stirn gerunzelt. „Viele Jahre? Aber ich habe doch nichts getan! Ich will nicht warten. Ich will frei sein.“
Der kranke Anwalt im Bett hat sich geräuspert und mit schwacher Stimme gesagt: „Das Gericht verzeiht nicht. Man muss es mit Respekt behandeln, sonst wird es gefährlich.“
Josef K. ist wütend geworden. „Respekt? Vor einem Gericht, das mich nicht einmal richtig anhört?“ Onkel Karl hat beruhigend seine Hand auf Josef K.s Schulter gelegt. „Josef, sei still. Hör lieber zu. Diese Leute wissen mehr als wir.“
Josef K. hat geschwiegen, aber innerlich war er voller Zorn.
Die Anwältin hat Josef K. ernst angesehen. „Ich werde Ihren Fall prüfen. Aber ich kann Ihnen nichts versprechen. Manchmal hilft selbst der beste Anwalt nicht, wenn das Gericht schon entschieden hat.“
Josef K. hat leise gefragt: „Und was ist, wenn ich unschuldig bin?“ Sie hat geantwortet: „Das Gericht entscheidet nicht einfach nach Schuld oder Unschuld. Es entscheidet nach seinen eigenen Regeln.“
Diese Worte haben Josef K. hart getroffen. Er hat gemerkt, dass er in einem Netz gefangen war, das er nicht verstand.
Onkel Karl hat sich ungeduldig verabschiedet. „Du musst auf sie hören, Josef. Sonst ist alles verloren.“
Auf dem Heimweg hat Josef K. lange nachgedacht. Er hat sich gleichzeitig wütend und machtlos gefühlt. Vielleicht brauche ich wirklich einen Anwalt, hat er überlegt. Aber kann überhaupt jemand gegen dieses Gericht gewinnen?
Eines Tages hat ein Beamter aus der Bank Josef K. losgeschickt. Er sollte einen wichtigen Kunden in der Kathedrale treffen, also im großen Dom der Stadt.
Als Josef K. die Kirche betreten hat, war es dort dunkel und kühl. Die hohen Säulen und die bunten Fenster haben ihn nachdenklich gemacht.
Er hat gewartet, aber der Kunde ist nicht gekommen. Plötzlich hat er Schritte gehört. Ein Priester in schwarzer Kleidung ist langsam auf ihn zugekommen.
Der Priester ist stehen geblieben und hat mit tiefer Stimme gesagt: „Sie sind Josef K., der Angeklagte.“ Josef K. ist erschrocken. „Woher wissen Sie das?“, hat er gefragt.
Der Priester hat ruhig geantwortet: „Ich bin Gefängniskaplan. Ich kenne Ihren Fall.“
Der Priester hat Josef K. zu einer Bank in der Mitte der Kathedrale geführt. Dort haben sie sich hingesetzt. „Ihr Prozess geht weiter“, hat der Priester gesagt. „Sie verstehen vielleicht nicht alles, aber das Gericht kennt Ihre Taten.“
Josef K. hat den Kopf geschüttelt. „Aber ich habe nichts getan! Ich bin unschuldig.“ Der Priester hat traurig gelächelt. „Viele Angeklagte sagen das. Aber das Gericht fragt nicht wirklich nach Schuld oder Unschuld. Es prüft nur, ob Sie sich fügen.“
Josef K. ist unruhig geworden. „Also geht es gar nicht um Gerechtigkeit?“ „Das Gericht ist die Gerechtigkeit“, hat der Priester leise geantwortet. Seine Stimme hat durch die leere Kirche gehallt.
Der Priester ist aufgestanden und langsam zu einem Seitenaltar gegangen. Josef K. ist ihm neugierig gefolgt. „Ich möchte Ihnen etwas erzählen“, hat der Priester begonnen. „Es ist eine alte Parabel über das Gesetz.“
Dann hat er erzählt: „Ein Mann vom Lande wollte Zugang zum Gesetz bekommen. Vor dem Tor stand ein Türhüter. Der Mann hat ihn gebeten, hineingehen zu dürfen, aber der Türhüter hat gesagt: ‚Jetzt nicht.‘
Der Mann hat viele Jahre gewartet. Er hat es immer wieder versucht, aber der Türhüter hat ihn nicht hineingelassen. Am Ende, kurz vor seinem Tod, hat der Mann gefragt: ‚Warum durfte nur ich nicht hinein, obwohl doch alle zum Gesetz wollen?‘ Der Türhüter hat geantwortet: ‚Dieses Tor war nur für dich bestimmt. Jetzt schließe ich es.‘“
Josef K. hat aufmerksam zugehört. Die Geschichte hat ihn unruhig gemacht. Eine Weile hat er geschwiegen. Dann hat er gesagt: „Die Geschichte ist dunkel. Was bedeutet sie?“
Der Priester hat ihn ernst angesehen. „Manche sagen: Der Mann hätte mutiger sein müssen. Andere glauben: Der Türhüter war mächtiger als er. Es gibt viele Deutungen. Aber eins ist sicher: Das Gesetz bleibt für jeden ein Geheimnis.“
Josef K. hat sich schwach gefühlt. „Und was bedeutet das für mich?“, hat er leise gefragt. Der Priester hat ihm die Hand auf die Schulter gelegt. „Ihr Prozess geht weiter. Sie müssen sich vorbereiten. Niemand weiß, wie es endet.“
Josef K. hat langsam genickt. Dann hat er die Kathedrale mit schweren Schritten verlassen. Draußen war es dunkel geworden, und er hat sich einsamer gefühlt als je zuvor.
Ein Jahr ist vergangen, seit Josef K. verhaftet worden ist. Sein Leben ist immer schwerer geworden. In der Bank hat er noch gearbeitet, aber er war oft unkonzentriert. Die Kollegen haben über ihn gesprochen, und manche haben heimlich gelacht.
In der Nacht vor seinem einunddreißigsten Geburtstag hat es plötzlich an seiner Tür geklopft. Zwei Männer standen draußen. Sie waren schwarz gekleidet und sahen streng aus. Einer von ihnen hat gesagt: „Josef K., kommen Sie mit uns.“
Josef K. hat still genickt. Er wusste schon lange, dass dieser Moment irgendwann kommen würde. Ohne Widerstand hat er seinen Mantel angezogen und ist den Männern nach draußen gefolgt.
Die Straßen waren dunkel und leer. Die Männer haben Josef K. durch die Stadt geführt, bis sie an den Stadtrand gekommen sind. Der Mond hat schwach geschienen, und nur manchmal hat man Schritte in der Ferne gehört.
Josef K. hat leise gefragt: „Wohin bringen Sie mich?“ Aber die Männer haben nicht geantwortet. Sie sind schweigend weitergegangen, einer rechts und einer links von ihm.
Nach langer Zeit sind sie zu einem alten Steinbruch gekommen. Die Mauern waren hoch und kalt, und der Boden war voller Steine. Es war ein verlassener Ort, ohne Menschen und ohne Geräusche.
Josef K. ist stehen geblieben. „Hier also?“, hat er mit schwacher Stimme gefragt. Die Männer haben genickt. Einer von ihnen hat ein Messer aus der Tasche gezogen.
Josef K. hat das Messer gesehen und sofort gewusst, was passieren wird. Er hat keinen Widerstand geleistet. Er hat gedacht: Warum wehre ich mich nicht? Habe ich Angst? Oder bin ich einfach schon zu müde?
Die Männer haben ihn gepackt und auf den Boden gelegt. Josef K. hat in den Nachthimmel geschaut. Die Sterne haben gefunkelt, aber sie haben ihm keinen Trost gegeben.
„Wie ein Hund“, hat er leise geflüstert. „Wie ein Hund.“
Dann hat einer der Männer das Messer in sein Herz gestoßen. Josef K. hat noch einmal schwer geatmet — und dann war er tot.
Die Männer haben kurz auf seinen Körper geschaut. Danach sind sie schweigend weggegangen. Der Steinbruch ist still und leer zurückgeblieben.
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