Das Tagebuch der Anne Frank
Eine einfache A2-Fassung von Constance Fenimore Woolsons Roman «Anne». Anne Douglas wächst arm auf einer kleinen Insel im Norden auf. Nach dem Tod des Vaters sorgt sie für ihre Geschwister, geht nach New York und kämpft um Liebe, Wahrheit und ihren Platz in der Welt.
Es ist Winter. Anne Douglas wohnt auf einer kleinen Insel im Norden. Hier ist es sehr kalt. Überall liegt Schnee. Das Meer ist zu Eis geworden.
Auf der Insel gibt es ein kleines Dorf. Auf einem Berg steht eine alte Festung mit Soldaten.
Anne ist sechzehn Jahre alt. Sie ist groß und stark. Sie hat braune Haare und blaue Augen. Sie ist freundlich und arbeitet viel.
Anne wohnt mit ihrer Familie in einem alten, großen Haus. Das Haus ist schön, aber arm. Das Dach ist kaputt. Der Wind kommt durch die Fenster. Es gibt nie genug Geld.
Annes Vater heißt William Douglas. Er ist alt und müde. Früher war er Arzt. Aber er wollte nicht mehr arbeiten.
Jetzt spielt er oft Orgel in der kleinen Kirche. Anne singt dazu. Ihre Stimme ist schön und klar.
Der Vater träumt viel. Oft ist er mit seinen Gedanken weit weg. Anne liebt ihren Vater sehr.
Anne hat drei kleine Brüder und eine kleine Schwester. Die Brüder heißen Louis, Gabriel und André. Sie sind wild und laut. Sie spielen und rennen den ganzen Tag.
Die Schwester heißt Tita. Sie ist dreizehn Jahre alt. Tita ist klein und dünn. Sie hat lange schwarze Haare und dunkle Augen. Sie ist klug, aber auch ein bisschen falsch.
Die vier Kinder haben eine andere Mutter als Anne.
Annes Mutter ist schon lange tot. Sie hieß Alida. Sie ist gestorben, als Anne noch ein Baby war.
Später hat der Vater noch einmal geheiratet. Seine zweite Frau hieß Angélique. Sie war eine schöne junge Frau aus einer französischen Familie. Aber auch Angélique ist gestorben.
Jetzt sind die vier Kinder ohne Mutter. Anne ist für sie wie eine Mutter. Sie kocht, sie näht und sie passt auf die Kinder auf.
Anne ist noch jung. Aber sie sorgt für alle. Manchmal ist Tita böse zu den Brüdern. Doch Anne ist immer geduldig.
Es ist Abend. Anne sitzt bei ihrem Vater im Zimmer. Das Feuer brennt. Draußen ist es dunkel und kalt.
Der Vater sieht Anne lange an. Dann sagt er leise:
„Anne, ich habe wenig für dich getan. Du musst für die Kinder sorgen, wie eine Mutter. Das ist nicht richtig.“
Anne nimmt seine Hand.
„Aber es sind meine Brüder und meine kleine Schwester, Vater. Ich bin gern hier.“
Der Vater schweigt einen Moment. Dann sagt er:
„Versprich mir etwas, Anne. Bleib immer bei den Kindern. Hilf ihnen, was auch passiert. Besonders der kleinen Tita.“
Anne versteht nicht ganz, warum er so ernst ist. Aber sie sagt sofort:
„Ich verspreche es, Vater. Ich bleibe immer bei ihnen. Mein ganzes Leben lang.“
Der Vater lächelt schwach. Aber in seinen Augen ist Sorge. Er denkt an eine Zeit, die kommen wird. Eine Zeit ohne ihn.
Es ist Weihnachten. Am Morgen kommt Miss Lois zu Besuch.
Miss Lois ist eine alte Frau aus New England. Sie wohnt allein in einem kleinen Haus. Sie ist streng, aber sie hat ein gutes Herz.
Miss Lois liebt Anne sehr. Sie hat auf Anne aufgepasst, als Anne noch ein Baby war. Aber Tita mag sie nicht. Miss Lois findet Tita falsch.
Alle gehen zusammen in die kleine Kirche. Anne hat die Kirche mit grünen Zweigen geschmückt. Über dem Altar hängt ein Kranz. Miss Lois hat ihn gemacht.
Der Vater spielt Orgel. Anne singt. Es klingt wunderschön.
Am Abend kommt ein junger Mann ins Haus. Er heißt Rast. Er ist groß und hat goldene Haare. Anne kennt ihn schon ihr ganzes Leben.
„Heute Abend gibt es einen Tanz“, sagt Rast. „Komm mit, Anne!“
Die Kinder rufen laut:
„Wir wollen auch tanzen!“
Anne lacht. Der Vater sagt:
„Geh nur, Annet. Es ist Weihnachten.“
Der Tanz ist in einem alten Lagerhaus am Wasser. Früher haben hier Männer mit Fellen gehandelt. Jetzt ist das Haus alt und leer. Aber heute ist es voll mit Menschen.
Überall brennen Kerzen und Feuer. Sechs Männer spielen Geige. Die Musik ist laut und fröhlich.
Anne tanzt mit Rast. Sie tanzen den ganzen Abend zusammen. Anne ist glücklich.
Auch die kleine Tita ist da. Sie trägt ein rotes Kleid. Zuerst sitzt sie allein. Aber dann tanzt ein junger Offizier mit ihr.
Tita tanzt leicht und schön. Ihre Augen leuchten. Sie ist sehr stolz.
Rast schaut Tita an und sagt:
„Deine kleine Schwester mag ich nicht so sehr.“
Anne wird rot.
„Warum nicht? Sie ist doch noch ein Kind.“
Rast lächelt.
„Ich mag alles, was zu dir gehört, Anne.“
Anne freut sich über diese Worte. Rast ist ihr Freund seit vielen Jahren.
Rast und Anne lernen zusammen bei Dr. Gaston. Dr. Gaston ist der Priester auf der Insel. Er ist alt und freundlich. Sein Zimmer ist voll mit Büchern.
Dr. Gaston ist wie ein Onkel für Anne und Rast. Er hat ihnen Latein und viele andere Dinge beigebracht.
Rast hat ein Geheimnis, aber er kennt es selbst kaum.
Rasts Familie war einmal sehr reich. Sie hieß Pronando und wohnte im Osten, in einer großen Stadt. Aber Rasts Vater hat eine arme Frau geheiratet. Da war die Familie sehr böse. Sie hat den Vater aus der Familie geworfen.
Rasts Eltern sind beide gestorben. Jetzt ist Rast allein. Er weiß fast nichts über seine reiche Familie.
Bald geht Rast weg. Er will an eine Universität, weit weg im Süden. Anne ist ein bisschen traurig.
„Bleib nicht zu lange weg, Rast“, sagt sie.
„Ich komme wieder“, sagt er. „Du bist immer Anne.“
Der Frühling kommt. Das Eis schmilzt. Die ersten Schiffe kommen wieder zur Insel.
Rast ist jetzt siebzehn Jahre alt. Er will weg. Er will die Welt sehen.
„Ich bleibe nicht mein ganzes Leben auf dieser Insel“, sagt er. „Ich will fort.“
Anne wird traurig.
„Ich bleibe hier“, sagt sie. „Aber du musst mir schreiben.“
Rast geht an eine Universität, weit weg im Süden. Am Abend vor der Reise stehen Anne und Rast zusammen vor dem Haus.
„Versprich mir etwas, Annet“, sagt Rast. „Antworte immer auf meine Briefe. Sofort.“
„Ich verspreche es“, sagt Anne. „Ich schreibe dir, so oft ich kann.“
Am nächsten Morgen ist Rast weg. Anne ist zum ersten Mal in ihrem Leben ganz allein. Sie fühlt sich sehr einsam.
Der Sommer ist still. Rast schreibt oft Briefe. Anne schreibt lange Briefe zurück.
Aber zu Hause gibt es ein Problem. Es gibt zu wenig Geld.
Die kleinen Brüder werden größer. Sie brauchen mehr Essen und neue Kleidung. Anne näht und kocht den ganzen Tag.
Der Vater wird immer stiller. Er sitzt oft nur da und träumt. Er spricht kaum noch.
Miss Lois sieht das Problem. Aber sie sagt nichts. Sie gibt heimlich Geld dazu, damit die Familie genug hat.
Anne arbeitet weiter. Sie klagt nie.
Im September wird der Vater plötzlich krank. Er sitzt nur noch im Stuhl. Er isst, aber er spricht nicht mehr. Er sieht niemanden an.
Der Arzt kommt. Er sagt leise zu Père Michaux:
„Er kann nicht mehr lange leben.“
Père Michaux ist ein alter Priester. Er wohnt auf einer kleinen Insel ganz in der Nähe. Er ist ein guter Freund der Familie.
Eines Abends stirbt der Vater. Er stirbt ruhig, im Schlaf. Anne ist bei ihm. Auch Tita ist im Zimmer.
Anne wirft sich neben ihn und weint.
„Vater! Vater!“, ruft sie.
Sie kann es nicht glauben. Tita geht in eine Ecke. Sie kniet dort und betet leise.
Anne ist am Boden zerstört. Ihr Vater ist tot.
Nach dem Tod muss Anne an das Geld denken. Es gibt Rechnungen. Aber sie hat kein Geld.
Anne und Miss Lois suchen in den Papieren des Vaters. Sie finden ein kleines Paket. Darin ist Geld.
Anne zählt es.
„Dreihundertzehn Dollar“, sagt sie leise.
Für Anne ist das viel. Aber Miss Lois weiß: Das ist alles. Mehr gibt es nicht.
Der Vater hat nie gespart. Jahr für Jahr hat er das Geld ausgegeben. Jetzt sind fünf Kinder fast ohne Geld allein auf der Welt.
Alle machen sich Sorgen um die Kinder. Was soll jetzt passieren?
Père Michaux hat eine Idee.
„Die vier kleinen Kinder können zu ihrem Onkel gehen“, sagt er.
Der Onkel ist der Bruder der zweiten Mutter. Aber Anne sagt sofort:
„Nein. Ich lasse die Kinder nicht weg.“
Dann fragt Dr. Gaston. Er möchte Anne zu sich nehmen, wie eine Tochter.
„Ich danke Ihnen“, sagt Anne. „Aber ich kann nicht ohne die Kinder kommen. Und ich kann nicht mit allen kommen.“
Am Ende ist es Miss Lois. Sie nimmt Anne und alle Kinder zu sich.
„Ihr kommt alle zu mir“, sagt Miss Lois. „Ihr seid alles, was ich habe.“
Anne umarmt sie. Sie ist sehr dankbar.
Anne muss trotzdem Geld verdienen. Nur so kann sie später für die Kinder sorgen.
Anne hat eine reiche Verwandte. Sie heißt Miss Vanhorn und wohnt in New York. Sie ist die Tante von Annes toter Mutter.
Aber diese Tante ist hart. Früher hat Annes Mutter ohne Erlaubnis geheiratet. Da war die Tante sehr böse. Sie hat die Mutter aus der Familie geworfen. Seitdem gibt es keinen Kontakt.
Anne schreibt ihr trotzdem einen Brief. Nach zwei Wochen kommt die Antwort. Der Brief ist kalt.
„Deine Mutter hat mir nicht gehorcht“, schreibt die Tante. „Aber ich helfe dir ein bisschen. Du darfst ein Jahr in eine Schule in New York gehen. Dort lernst du, Lehrerin zu werden. Danach bekommst du nichts mehr. Und denk daran: Du bist nur Anne Douglas. Du bist nicht meine Verwandte.“
Dr. Gaston ist wütend.
„Bleib bei uns!“, sagt er.
Aber Anne sagt leise:
„Ich muss gehen. Ich habe es meinem Vater versprochen. Ich muss für die Kinder sorgen.“
Plötzlich kommt Rast zurück auf die Insel. Er will Anne noch einmal sehen, bevor sie weit weg geht.
„Ich konnte nicht anders“, sagt er. „Ich wollte dich sehen.“
Am selben Abend fährt Rast wieder mit dem Schiff weg. In der Nacht kommt ein großer Sturm.
Draußen ist das Wasser schwarz und wild. Viele Schiffe sind in Gefahr. Anne hat große Angst um Rast. Sie steht die ganze Nacht am Fenster.
Auch am nächsten Tag warten alle und schauen aufs Wasser. Die kleine Tita sagt leise:
„Der arme Rast ist da draußen auf dem schwarzen Wasser.“
Endlich, am Abend, kommt Rasts Schiff zurück in den Hafen. Rast ist gerettet!
Sie bringen ihn ins Haus. Er ist müde und blass. Anne freut sich sehr.
Nur die kleine Tita bleibt die ganze Zeit neben Rast. Sie schaut böse auf die anderen. Sie will ihn für sich allein.
Rast bleibt noch ein paar Tage. Es ist Herbst. Die Bäume sind rot und gold.
Am letzten Abend gehen Anne und Rast auf einen Berg. Sie wollen zusammen den Sonnenuntergang sehen.
Anne ist traurig.
„Bald muss auch ich weit weg“, sagt sie. „Weg von allem, was ich liebe.“
Sie sieht Rast an. Ihre Augen sind voll Tränen. In diesem Moment fühlt Rast etwas Neues. Er legt seinen Arm um sie.
„Ich liebe dich, Annet“, sagt er. „Wir heiraten. Wir sind jetzt verlobt.“
Später kommt Rast ins Haus. Seine Augen leuchten.
„Hört alle her!“, ruft er. „Anne und ich heiraten. Wir sind verlobt!“
Alle sind überrascht. Und Anne? Sie ist glücklich — aber tief in ihr bleibt auch Sorge. Bald muss sie fort, ganz allein, in eine fremde Stadt.
Ende Oktober muss Anne fort. Sie nimmt Abschied von allen.
Sie umarmt Miss Lois und die kleinen Brüder. Sie küsst Tita.
„Sei brav“, sagt Anne. „Ich komme wieder.“
Dann steigt sie auf das Schiff. Das Schiff fährt langsam weg. Anne sieht die Insel immer kleiner werden.
Die Reise ist lang. In der Nacht sieht Anne am Ufer ein großes Feuer. Der Wald brennt. Der Himmel ist rot.
Anne sitzt am Fenster und schaut. Sie denkt an Rast, an die Kinder, an ihr Zuhause.
Père Michaux hat alles geplant. Andere Priester helfen Anne auf der Reise. Einer bringt sie zum Zug. Ein anderer wartet in der großen Stadt.
So kommt Anne sicher in New York an. Aber sie ist sehr müde. Und alles ist fremd.
Anne kommt in eine Schule für Mädchen. Die Chefin heißt Madame Moreau. Alle nennen sie „Tante“.
Tante ist eine alte, feine Französin. Sie ist streng, aber freundlich.
In der Schule sind viele reiche Mädchen. Sie tragen schöne Kleider. Anne hat nur zwei einfache schwarze Kleider.
Die Mädchen lachen leise über Anne. Sie nennen sie „das Inselmädchen“.
Anne ist traurig. Aber sie lernt schnell und viel. Bald spricht sie gut Französisch.
Anne hat auch Gesangsunterricht. Sie hat eine schöne, warme Stimme. Der Lehrer ist überrascht.
„Wer hat dich singen gelehrt?“, fragt er.
„Mein Vater“, sagt Anne leise.
Nach einer Woche kommt Miss Vanhorn, die Großtante. Sie ist reich und alt.
Sie sieht Anne durch ein kleines Glas an. Dann sagt sie kalt:
„Was soll man nur mit so einem wilden Mädchen machen?“
Anne wird rot. Diese Frau war einmal die Tante ihrer Mutter. Aber sie ist nicht lieb.
„Wie alt bist du?“, fragt die Großtante.
„Siebzehn“, sagt Anne.
Die Großtante liebt nur eine Sache: Pflanzen und Blumen. Sie sammelt Pflanzen. Für Menschen hat sie kein warmes Herz.
„Ich zahle ein Jahr Schule“, sagt sie. „Mehr nicht. Und keine extra Sachen!“
Dann geht sie wieder. Anne bleibt allein zurück.
Eines Tages hört eine junge Frau Anne singen. Sie heißt Helen Lorrington.
Helen ist reich und elegant. Sie war früher auch Schülerin bei Tante. Ihr Mann ist tot; sie ist eine junge Witwe.
Helens Stimme ist hoch und klar. Annes Stimme ist tief und warm. Zusammen klingt es schön.
Helen mag Anne sofort. Sie wird ihre Freundin.
Helen gibt Anne schöne Kleider. Sie zeigt Anne die feine Gesellschaft der reichen Leute.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hat Anne wieder eine Freundin.
„Du bist etwas Besonderes, Anne“, sagt Helen. „Die Leute sollen dich hören.“
Am Neujahrstag ist ein großes Fest bei Helens Familie. Viele reiche Leute kommen zu Besuch.
Anne kennt fast niemanden. Sie ist schüchtern.
Am Abend sagt Helen:
„Anne, sing für uns!“
Anne hat Angst. Aber sie will Helen einen Gefallen tun. Sie geht in die Mitte des Zimmers.
Zuerst singt sie mit Helen. Dann singt sie allein ein altes Lied von der Insel.
Alle werden still. Annes Stimme füllt das ganze Haus. Sie denkt an die Insel, an das Wasser, an Rast.
Als das Lied zu Ende ist, schauen alle sie an.
Zwei Männer bemerken Anne besonders. Der eine heißt Gregory Dexter. Er ist groß und stark. Der andere heißt Ward Heathcote. Er ist ruhig und hat braune Augen.
Dexter ist sehr freundlich zu Anne. Anne mag ihn.
Aber Anne weiß noch nicht: In dieser neuen Welt beginnt bald ein schweres Gefühl in ihrem Herzen.
Der Winter geht vorbei. Anne und Helen sind jetzt gute Freundinnen.
Anne erzählt Helen alles von zu Hause: von der Insel, von den Kindern, von Rast.
Eines Nachts sagt Anne leise:
„Rast und ich sind verlobt. Wir heiraten später.“
Helen ist überrascht.
„Das habe ich nicht gedacht“, sagt sie. „Du bist noch so jung.“
„Ich liebe ihn schon mein ganzes Leben“, sagt Anne.
Die Großtante mag Helen nicht. Sie sagt zu Anne:
„Geh nicht mehr auf ihre Feste. Ich verbiete es.“
Anne versteht die Großtante nicht. Aber sie gehorcht.
Im Frühling macht die Großtante Anne ein Angebot.
„Komm im Sommer zu mir“, sagt sie. „Ich gebe den Kindern auf der Insel Geld. Und du darfst noch ein Jahr zur Schule gehen.“
Anne ist froh. So hat sie mehr Geld für die Kinder. Sie sagt Ja.
Aber die Großtante hat einen geheimen Plan. Sie mag Rast nicht. Rast ist arm und wohnt weit weg.
Die Großtante denkt:
„Ich nehme Anne mit in die reiche Gesellschaft. Dort trifft sie viele feine Männer. Vielleicht vergisst sie dann diesen armen Jungen.“
Anne weiß nichts von diesem Plan. Sie glaubt, die Großtante ist endlich freundlich.
Die Großtante liebt Pflanzen über alles. Den ganzen Sommer sammelt sie Blumen.
Anne muss ihr helfen. Sie presst die Blumen und trocknet sie. Das ist harte Arbeit.
Oft sitzt Anne stundenlang in einem kleinen, heißen Zimmer.
Die Großtante ist schwierig. An einem Tag ist sie eiskalt. Am nächsten Tag ist sie plötzlich böse.
Anne sagt nichts. Sie arbeitet weiter. Aber sie ist oft traurig und denkt an zu Hause.
Im Sommer fährt die Großtante mit Anne nach Caryl's. Caryl's ist ein Ort auf dem Land. Dort verbringen reiche Leute ihren Sommer.
Helen ist leider nicht da. Anne ist ein bisschen enttäuscht.
Aber dann trifft Anne einen alten Bekannten: Gregory Dexter, den starken Mann vom Neujahrsfest.
„Sie erinnern sich an mich?“, fragt Anne.
„Natürlich“, sagt Dexter freundlich.
Auch ein anderer Mann ist da: Ward Heathcote. Er ist ruhig und hat braune Augen. Viele Frauen mögen ihn.
Dexter beobachtet Heathcote. Er denkt: „Anne ist noch so jung. Er soll sie in Ruhe lassen.“
Eines Abends sitzen alle draußen auf der Veranda. Der Mond scheint.
Anne sitzt neben Heathcote. Sie ist müde und traurig. Den ganzen Tag hat sie hart gearbeitet. Sie hat großes Heimweh.
Heathcote fragt leise:
„Sie lieben Ihre Insel sehr, nicht wahr?“
„Ja“, sagt Anne. Plötzlich kommen ihr die Tränen. Sie schämt sich. Niemand soll das sehen.
Aber Heathcote versteht. Schnell steht er auf.
„Eine Fledermaus!“, ruft er und wedelt mit seinem Hut.
Alle springen auf und suchen die Fledermaus. In diesem Moment sieht niemand Annes Tränen.
Anne ist Heathcote dankbar. Zwischen den beiden entsteht etwas Neues — ganz fein, wie ein Faden aus Spinnweben.
Anne ist mit Rast verlobt. Aber Heathcote ist jetzt in ihrem Herzen.
Am nächsten Tag machen alle ein Picknick im Wald.
Ein Mädchen, Valeria, geht zu nah an den Rand von einem Felsen. Plötzlich rutscht sie aus. Sie fällt über die Kante!
Anne ist ganz in der Nähe. Schnell packt sie Valerias Arm und hält sie fest. Valeria hängt über dem Abgrund.
„Halte fest!“, ruft Anne. „Ich lasse dich nicht los!“
Anne wird müde. Aber sie hält weiter.
Da kommen Heathcote und Dexter. Heathcote legt sich an den Rand. Dexter hält ihn fest. So ziehen sie Valeria und Anne langsam nach oben.
Endlich sind alle wieder sicher.
Alle sind erstaunt über Annes Mut. Heathcote sieht Anne lange an. Und Dexter denkt: „So ein mutiges Mädchen habe ich noch nie gesehen.“
Am Abend spricht Dexter mit Anne.
„Sie waren sehr mutig“, sagt er. „So etwas sieht man selten.“
Anne wird rot.
„Es war nichts Besonderes“, sagt sie.
In dieser Zeit schreibt Anne immer noch an Rast. Aber sie schreibt: „Schreib mir nicht so oft.“ Langsam wird Rast in ihrem Herzen ein bisschen ferner.
Eines Tages lässt die Großtante Anne allein im Wald. Anne soll dort eine seltene Pflanze suchen. Die Familie am Sägewerk ist weg. Anne ist ganz allein.
Sie klettert über die Felsen und sucht. Da hört sie plötzlich eine Stimme.
Sie schaut nach unten. Es ist Ward Heathcote!
„Warum sind Sie hier?“, fragt Anne.
„Um Sie zu sehen“, sagt er und lächelt.
Heathcote bleibt bei Anne. Sie reden und lachen zusammen. Er hat sogar Essen mitgebracht: Brot und Kartoffeln.
Anne lacht viel. Sie ist glücklich.
Dann finden sie zusammen die kleine Pflanze. Anne freut sich sehr.
Aber der Himmel wird dunkel. Ein Sturm kommt. Es beginnt zu regnen.
Das Haus am Sägewerk ist zu. Sie finden eine kleine Höhle im Berg und warten dort.
Draußen regnet es stark. Drinnen sind Anne und Heathcote ganz allein.
Heathcote nimmt Annes Hand. Ganz leicht küsst er ihr Handgelenk.
„Du liebes, ehrliches Mädchen“, sagt er leise.
Annes Herz schlägt schnell. Sie sagt nichts.
Der Regen hört auf. Unten wartet Dexter mit einem Wagen. Er will Anne nach Hause bringen.
Heathcote sagt leise zu Anne:
„Sag Dexter nicht, dass ich hier war. Sonst denkt er etwas Falsches.“
Anne versteht nicht ganz. Aber sie verspricht es.
Heathcote bleibt versteckt. Anne fährt mit Dexter zurück nach Caryl's.
Am Abend erzählt Anne der Großtante alles.
Die Großtante wird nicht böse. Nein — sie ist sogar zufrieden.
Denn ihr geheimer Plan wirkt: Anne denkt jetzt mehr an Heathcote als an Rast.
„Sag niemandem etwas“, sagt die Großtante nur.
Dann lächelt sie zufrieden.
Am Ende des Sommers kommt Helen zurück nach Caryl's. Anne freut sich sehr.
Aber Helen bringt eine Nachricht. Sie spricht von Ward Heathcote.
„Heathcote gefällt mir“, sagt Helen. „Jetzt bin ich da. Ich will ihn für mich.“
Anne wird ganz still. In ihrem Herzen tut plötzlich etwas weh.
Helen fragt: „War Heathcote oft bei der schönen Frau Bannert?“
„Ja“, sagt Anne leise. „Ich glaube schon.“
Anne versteht sich selbst nicht. Warum tut das so weh?
Später sitzt Anne allein in ihrem Zimmer. Sie kann nicht schlafen.
In dieser Nacht versteht Anne endlich die Wahrheit.
Sie liebt Ward Heathcote. Sie liebt ihn schon lange, aber sie hat es nicht gewusst.
Anne erschrickt. Denn sie ist mit Rast verlobt! Rast wartet zu Hause auf sie.
„Was habe ich getan?“, denkt sie. „Ich bin Rast nicht mehr treu.“
Anne weint die ganze Nacht. Sie schämt sich sehr.
Sie liebt Heathcote. Aber Helen will ihn auch. Und Anne gehört zu Rast.
Alles ist plötzlich schwer und dunkel.
Am frühen Morgen geht Anne in den Garten. Die Sonne kommt gerade hoch.
Sie will nur eins: weg von hier.
Da kommt Heathcote. Er sieht Annes blasses Gesicht. Er nimmt ihre kalten Hände.
„Was hat Helen zu dir gesagt?“, fragt er. „Dass ich dich getäuscht habe?“
Anne sagt nichts. Sie will gehen.
„Bleib“, sagt Heathcote. „Eins musst du wissen: Was auch war — es war, bevor ich dich kannte.“
Annes Hände zittern.
„Lass mich gehen“, sagt sie leise.
Dann läuft sie weg.
Anne will Caryl's verlassen. Sie fragt die Großtante:
„Bitte, lass mich zurück zur Schule gehen. Ich bin hier nicht glücklich.“
Aber die Großtante sagt hart:
„Nein. Du bleibst, so lange ich bleibe.“
Anne bittet noch einmal. Da wird die Großtante böse.
„Kein Wort mehr! Wenn du nicht gehorchst, bekommst du kein Schuljahr mehr. Und die Kinder bekommen kein Geld.“
Anne wird still. Sie denkt an die Kinder. Sie muss bleiben.
Die Großtante versteht Anne falsch. Sie denkt: Anne liebt Dexter und ist nur eifersüchtig.
Darum macht sie einen Plan: Dexter soll bald mit Anne allein sein.
Anne weiß nichts davon. Sie fühlt sich gefangen.
Am Abend ist der letzte Tanz des Sommers. Anne trägt ein schönes weißes Kleid.
Dexter kommt zu ihr. Er führt sie in ein kleines, warmes Zimmer. Dann sagt er ernst:
„Anne, willst du meine Frau werden?“
Anne ist überrascht. Dexter ist reich. Als seine Frau hätte sie kein Geldproblem mehr. Sie könnte den Kindern viel helfen.
Aber Anne schüttelt den Kopf.
„Es tut mir leid“, sagt sie leise. „Ich kann nicht. Ich liebe Sie nicht. Und ich bin schon mit Rast verlobt.“
Dexter ist ruhig und freundlich.
„Wenn die Verlobung einmal endet“, sagt er, „kannst du mich dann ein bisschen lieben?“
„Ich kann nicht“, sagt Anne ehrlich.
Dexter nimmt kurz ihre Hand. Dann geht er.
In der Nacht kommt Helen in Annes Zimmer. Sie redet und lacht. Dann wird sie plötzlich ernst.
„Anne, ich sage dir die Wahrheit“, sagt Helen leise. „Ich liebe Ward Heathcote. Von ganzem Herzen.“
Anne wird ganz kalt.
„Ich liebe ihn schon immer“, sagt Helen. „Eines Tages heiraten wir.“
Anne sagt nichts. Sie hält Helens Hand fest, aber ihr Herz tut sehr weh.
Jetzt weiß Anne alles. Helen liebt den Mann, den auch sie liebt.
Als Helen geht, fällt Anne neben ihr Bett. Sie versteckt ihr Gesicht und weint.
Am nächsten Morgen ruft die Großtante Anne zu sich.
„Was hat Dexter gesagt?“, fragt sie.
„Er will mich heiraten“, sagt Anne.
„Gut! Sag Ja“, sagt die Großtante. „Er ist reich. Du kannst den Kindern helfen.“
Aber Anne sagt:
„Nein. Ich kann Dexter nicht heiraten. Ich liebe ihn nicht. Und ich bin mit Rast verlobt.“
Da wird die Großtante sehr böse. Sie sagt harte, kalte Worte. Sie spricht sogar schlecht über Annes tote Mutter.
Anne steht auf.
„Das ist nicht wahr“, sagt sie. „So dürfen Sie nicht über meine Mutter reden.“
„Dann geh!“, ruft die Großtante. „Ich will dich nie wieder sehen. Und ich gebe dir und den Kindern kein Geld mehr.“
Anne ist wieder arm und allein. Aber sie bleibt ehrlich.
Anne verlässt Caryl's noch am selben Tag.
Sie geht zurück zu Mademoiselle Jeanne-Armande, der armen, sparsamen Lehrerin. Bei ihr ist es einfach, aber warm und freundlich.
„Ich bin wieder da“, sagt Anne müde.
Jeanne-Armande kocht ihr eine kleine Suppe und macht ihr Kaffee. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt Anne sich fast wie zu Hause.
Anne hat fast kein Geld mehr. Also will sie arbeiten. Sie reist mit Jeanne-Armande weit in den Westen. Dort will sie an einer Schule unterrichten — für sehr wenig Geld.
Im Zug schläft Anne schlecht. Die Nacht ist lang.
Am Morgen fährt der Zug weiter. Um zehn Uhr steigt plötzlich ein Mann ein.
Anne kennt ihn. Es ist Ward Heathcote.
Heathcote setzt sich neben Anne. Zuerst redet er nur über das Wetter.
„Was für ein schöner Tag“, sagt er.
„Ja“, sagt Anne. Sie schaut aus dem Fenster.
Aber in ihrem Herzen ist alles laut. Sie denkt nur eins: Er ist hier. Warum ist er hier?
Dann rückt Heathcote näher.
„Anne“, sagt er leise. „Ich war sehr unruhig, als du weg warst. Die alte Frau war sehr hart zu dir.“
„Warum bist du mir gefolgt?“, fragt Anne.
Heathcote sieht ihr in die Augen. Er sagt nichts. Aber sein Blick sagt viel.
Der Zug fährt weiter. Niemand sitzt hinter ihnen.
Heathcote spricht ganz leise:
„Ich musste dich noch einmal sehen. Ich bin dir gefolgt — deinetwegen.“
Anne wird blass.
„Helen hat mir gesagt, dass ihr verlobt seid“, sagt sie.
„Das ist zum Teil wahr“, sagt Heathcote. „Aber ich liebe dich, Anne.“
Anne hört diese Worte. Ihr Herz schlägt schnell. Aber sie sagt hart:
„Ich habe meine Verlobung nicht vergessen. So dürfen Sie nicht reden.“
„Was ist schon richtig oder falsch“, sagt Heathcote, „wenn wir uns lieben?“
Dann fragt er:
„Willst du meine Frau werden?“
„Niemals“, sagt Anne.
Heathcote gibt nicht auf.
„Du liebst mich auch“, sagt er. „Ich weiß es.“
Anne kämpft mit sich selbst. Sie liebt ihn. Aber sie denkt an Rast. Und sie denkt an Helen.
„Ich heirate Rast“, sagt sie. „Und du heiratest Helen. Es ist gemein, Helen so zu verlassen.“
„Und es ist gemein, einen Mann zu heiraten, den man nicht liebt“, antwortet Heathcote ruhig.
Anne weiß keine Antwort mehr. Seine Stimme, seine Augen — alles zieht sie zu ihm.
Tränen kommen in ihre Augen.
„Lass mich in Ruhe“, sagt sie leise.
Aber Heathcote bleibt. Er ist sicher: Bald sagt sie Ja.
Am Abend hält der Zug an einer kleinen Station. Alle Leute gehen essen.
Heathcote fragt Jeanne-Armande:
„Kommen Sie mit? Ich lade Sie zu einem Tee ein.“
„Nein danke“, sagt Anne schnell. „Bringen Sie uns bitte den Tee hierher.“
Heathcote geht in das helle Restaurant.
In diesem Moment fasst Anne einen Plan. Sie flüstert:
„Mademoiselle, kommen Sie sofort mit mir aus dem Zug! Bitte! Mein ganzes Leben hängt davon ab.“
Die alte Lehrerin versteht nichts. Aber sie folgt Anne.
Schnell und leise steigen sie im Dunkeln auf der anderen Seite aus. Sie laufen über die Gleise zu einem anderen Zug.
Dieser Zug fährt nach Norden. Anne hat Angst. Jede Sekunde denkt sie: Gleich kommt Heathcote!
Aber der Zug fährt an. Langsam, dann schneller. Sie sind weg.
Anne ist gerettet — vor Heathcote und vor ihrem eigenen Herzen.
Anne kommt weit im Westen an, in einer kleinen Stadt. Sie arbeitet jetzt als Lehrerin an einer Schule für Mädchen.
Die Arbeit ist hart und die Tage sind lang. Aber Anne ist froh: Sie verdient endlich eigenes Geld.
Die Mädchen in der Schule lieben Anne sehr. Sie bringen ihr Blumen und kleine Geschenke.
In dieser Zeit schreibt Anne einen wichtigen Brief an Rast. In dem Brief sagt sie ihm die ganze Wahrheit: dass sich ihr Herz geändert hat.
Aber Rast reist durch den Westen. Er bleibt nirgends lange. Der Brief kommt immer zu spät. Rast ist schon weiter.
So bekommt Rast den Brief nie. Anne wartet und wartet auf eine Antwort. Aber keine Antwort kommt.
Kurz vor Weihnachten kommt eine traurige Nachricht von der Insel.
Der alte Dr. Gaston ist sehr krank. Er hatte einen Schlaganfall. Rast fährt schnell zur Insel, um ihn noch einmal zu sehen.
Anne weint. Sie möchte auch zur Insel fahren. Aber sie hat kein Geld und ist zu weit weg.
Dann kommt noch eine schlimme Nachricht: Auch Miss Lois hat jetzt kein Geld mehr. Eine Bank ist kaputt, und ihr Geld ist weg.
Anne denkt sofort an die Kinder. Sie geht zum Schulleiter und bittet um ihren Lohn. Dann schickt sie alles Geld nach Hause.
Ein paar Tage später stirbt Dr. Gaston. Er stirbt ruhig, am frühen Morgen.
Anne ist sehr traurig. Ihr lieber alter Lehrer ist tot.
Dann kommen mehrere Briefe von der Insel. Sie bringen eine große Überraschung.
Tita ist kein Kind mehr. Sie ist jetzt eine junge Frau. Und sie liebt Rast — schon seit vielen Jahren, heimlich.
Als Rast wieder in den Westen fährt, läuft Tita ihm nach. Ganz allein geht sie über das Eis.
Père Michaux fährt hinter ihr her. Er findet die beiden zusammen. Und er, der Priester, traut sie: Rast und Tita heiraten.
In ihrem Brief schreibt Tita:
„Liebste Schwester, sei mir nicht böse. Rast liebt mich, und ich liebe ihn. Jetzt sind wir Mann und Frau.“
Anne liest den Brief. Sie kann es kaum glauben. Ihre kleine Schwester ist jetzt Rasts Frau.
Und wie fühlt sich Anne? Nicht böse. Nicht gebrochen.
Anne fühlt etwas ganz anderes: Sie ist erleichtert. Sie ist frei.
Père Michaux schreibt ihr:
„Du hast Rast nie wirklich geliebt, Anne — nicht so, wie man einen Mann liebt. Jetzt bist du frei. Das ist gut so.“
Anne weiß: Er hat recht. Lange hat sie ein altes Versprechen getragen wie eine schwere Last. Jetzt ist die Last weg.
Sie nimmt ihren Verlobungsring vom Finger.
Aber ganz glücklich ist Anne nicht. Denn sie liebt Heathcote. Und Heathcote ist nicht frei — Helen liebt ihn.
Also trifft Anne eine Entscheidung: Sie will einfach für die Kinder leben, ruhig und treu. Mehr will sie nicht mehr hoffen.
Es ist April 1861. In Amerika beginnt ein großer Krieg. Der Norden und der Süden kämpfen gegeneinander.
Überall hört man Musik und Trommeln. Junge Männer werden Soldaten. Sie marschieren zum Bahnhof und fahren in den Krieg.
Die Frauen winken mit weißen Tüchern. Manche weinen.
Auch in Annes Stadt ändert sich alles. Die Menschen reden nur noch über den Krieg.
In dieser Zeit ändert sich auch für Anne viel. Jeanne-Armande, die alte Lehrerin, fährt nach Europa. Jetzt bekommt Anne ihre Stelle an der Schule. Sie verdient mehr Geld, aber sie ist ganz allein.
Zwei von Annes Brüdern, Louis und Gabriel, kommen jetzt zu ihr nach Weston.
Der kleine André ist krank. Sein Rücken ist krumm. Miss Lois passt liebevoll auf ihn auf und bringt ihn zu einem Bad mit heißem Wasser.
Eines Tages bekommt Anne einen Brief von einem Anwalt.
Die Großtante, Miss Vanhorn, ist tot. Sie ist weit weg in der Schweiz gestorben.
Sie hat Anne fast nichts gegeben. Nur eine Sache: ein Bild von Annes Mutter Alida.
Anne ist traurig. Die Großtante war hart und kalt. Aber sie war die letzte Verwandte von Anne. Jetzt ist Anne noch mehr allein.
In ihrer freien Zeit hilft Anne den Soldaten. Sie arbeitet in einem Haus, wo man Sachen für die kranken und verletzten Männer macht.
Anne arbeitet viel. So denkt sie weniger an ihre eigene Traurigkeit.
Eines Abends kommen drei Frauen zu Anne. Sie kommen von der Hilfsgruppe für die Soldaten.
„Wir brauchen Krankenschwestern“, sagen sie. „Weit im Süden liegen viele kranke Soldaten. Sie haben hohes Fieber. Niemand hilft ihnen. Willst du mitkommen? Nur für zwei Wochen.“
Anne denkt an ihre Schüler und an ihr wenig Geld. Aber dann sagt sie:
„Ja. Ich komme mit.“
Am nächsten Morgen fährt Anne mit zwei anderen Frauen in den Süden. Die Reise ist lang: mit dem Zug, mit dem Schiff, mit dem Wagen.
Endlich kommen sie an. Anne sieht viele kranke und verletzte Männer. Es ist sehr traurig. Manchmal geht sie kurz nach draußen und weint. Dann arbeitet sie weiter.
Nach ein paar Tagen hört Anne eine Nachricht.
Weit weg, hinter den Bergen, liegt noch ein Hospital. Dort liegt ein kranker Soldat: Kapitän Ward Heathcote.
Anne erschrickt. Heathcote! Der Mann, den sie liebt.
Man sagt: Heathcote hat sehr hohes Fieber. Es geht ihm schlecht.
Plötzlich weiß Anne nur noch eins: Ich muss zu ihm.
Der Arzt sagt:
„Nein. Der Weg ist weit und gefährlich. Sie können nicht allein gehen.“
Aber Anne bittet und bittet.
„Ich muss gehen“, ruft sie. „Auch wenn ich den ganzen Weg zu Fuß gehe — ich muss zu ihm!“
Am Ende sagt der Arzt Ja.
Anne reist über die Berge. Zwei Helfer sind bei ihr: Diana und July. Sie reiten auf Maultieren durch den dunklen Wald.
Der Weg ist lang und still. Es wird Nacht. Anne hat keine Angst. Sie denkt nur an Heathcote.
Spät in der Nacht kommen sie an ein kleines Haus. In einem Fenster brennt Licht.
Anne geht schnell hinein. In einer Ecke, hinter einem Vorhang, liegt ein Mann. Sein Kopf bewegt sich hin und her. Seine Augen sind zu.
Es ist Ward Heathcote.
Anne sagt leise seinen Namen. Er öffnet die Augen. Aber er kennt sie nicht. Das Fieber ist in seinem Kopf.
Die Frau im Haus sagt:
„Er kennt niemanden mehr. Seit Tagen ist er so.“
Anne sieht ihn an. Jetzt kann sie ihn pflegen — und er weiß es nicht einmal.
Anne bleibt bei Heathcote. Sie gibt ihm Medizin. Sie öffnet die Fenster für frische Luft. Sie passt Tag und Nacht auf ihn auf.
Langsam wird Heathcote besser. Das Fieber geht weg.
Eines Morgens wacht er auf. Er ist schwach, aber er kann wieder klar denken.
Anne gibt ihm Essen. Da sieht er ihr Gesicht.
„Anne?“, flüstert er. „Bist du das wirklich, Anne?“
„Ja“, sagt sie leise. „Aber sprich nicht. Iss.“
Heathcote lächelt.
„Du läufst nicht wieder weg?“, fragt er.
„Nicht sofort“, sagt Anne.
„Versprich es mir“, sagt er.
„Ich verspreche es“, sagt Anne. Dann schläft er ruhig ein.
Heathcote wird jeden Tag ein bisschen stärker.
Eines Tages sagt er:
„Anne, weißt du es nicht? Helen ist verheiratet.“
Anne ist überrascht.
„Verheiratet? Aber nicht mit dir?“
„Nein“, sagt Heathcote. „Nicht mit mir.“
Anne kann es kaum glauben. Also ist Heathcote frei! Und sie ist auch frei.
Heathcote nimmt ihre Hände.
„Ich liebe dich, Anne. Liebst du mich auch?“
„Ja“, sagt Anne leise. „Von ganzem Herzen.“
Heathcote zieht sie zu sich. Er küsst sie. Zum ersten Mal ist Anne ganz glücklich.
Endlich, denkt sie, endlich dürfen wir zusammen sein.
Am nächsten Tag redet Anne fröhlich mit Heathcote. Sie macht Pläne für ihr Leben zusammen.
Aber Heathcote wird immer stiller. Etwas stimmt nicht.
Am Abend geht Anne in den Wald. Plötzlich kommt Heathcote. Er ist schwach und hält sich an den Bäumen fest.
„Anne“, sagt er. „Ich muss dir die Wahrheit sagen. Ich habe dich belogen.“
Anne sieht ihn an.
„Helen ist verheiratet“, sagt Heathcote leise. „Und ich — ich bin ihr Mann.“
Anne wird ganz still und weiß wie Schnee.
„Ich wollte dich nicht betrügen“, sagt Heathcote. „Aber du warst frei, und du hast mich geliebt. Ich wollte nur einen einzigen Tag dein Glück. Verzeih mir.“
Anne steht still da. Ihr Herz ist gebrochen. Aber sie bleibt stark.
„Du bist Helens Mann“, sagt sie leise. „Dann musst du zu ihr zurück.“
„Nein“, sagt Heathcote. „Ich kann nicht ohne dich leben.“
„Doch“, sagt Anne. „Du bist ein guter Mann. Geh zurück zu Helen. Tu das Richtige. Ich tue es auch.“
Heathcote nimmt sie in den Arm. Aber Anne macht sich los.
„Versprich mir, dass du zurückgehst“, sagt sie. „Für mich, Ward.“
Er sagt nichts. Da küsst Anne kurz seine Stirn.
„Dann nehme ich das Versprechen selbst“, sagt sie.
Und sie geht. Sie sieht ihn nie wieder.
Anne geht zurück zu ihrer Arbeit im Hospital. Sie ist müde und traurig. Aber sie arbeitet weiter.
Ein paar Tage später kommt ein Brief von Heathcote. Es ist sein letzter Brief.
In dem Brief erzählt er alles: Helen hatte einen Unfall mit dem Wagen. Sie war fast tot. Die Ärzte sagten: Nur eine Sache kann sie retten. Denn Helen liebt Heathcote seit vielen Jahren.
Also hat Heathcote sie geheiratet, um ihr Leben zu retten. Jetzt ist Helen wieder gesund. Und Heathcote ist immer freundlich zu ihr.
„Ich gehe zurück zur Armee“, schreibt er. „Ich werde dir nicht folgen. Leb wohl.“
Anne liest den Brief zu Ende. Dann zerreißt sie ihn und wirft die Stücke ins Wasser.
Sie schaut zu, wie das Wasser die Stücke wegträgt. Dann geht sie zurück an die Arbeit.
Anne kommt zurück aus dem Süden. Aber sie will nicht mehr in Weston bleiben.
Denn Heathcote weiß: Dort wohnt Anne. Vielleicht sucht er sie eines Tages.
Anne will das nicht. Sie liebt ihn — aber er ist verheiratet. Sie muss weit weg von ihm sein.
Also fährt Anne in eine große Stadt im Osten. Dort wohnt sie in dem kleinen Haus von Jeanne-Armande. Die alte Nora wohnt bei ihr.
Das Haus ist fast leer und sehr kalt. Anne hat wenig Geld.
Anne gibt Musik- und Französisch-Stunden. Sie singt auch in einem Kirchenchor. So verdient sie ein bisschen Geld.
Es ist ein hartes Leben. Aber Anne ist versteckt. Hier findet Heathcote sie nicht.
Eines Tages geht Anne durch die Stadt. Plötzlich sieht sie eine schöne Frau. Zwei Männer helfen ihr aus dem Wagen.
Anne bleibt stehen. Ihr Herz schlägt schnell. Es ist Helen!
Helen wohnt jetzt in dieser Stadt. Sie ist reich und schön. Und sie ist Heathcotes Frau.
Anne zieht schnell ihren Schleier ins Gesicht. Niemand erkennt sie.
In der Nacht kann Anne nicht schlafen. Sie denkt nur an Helen und an Heathcote.
„Ich muss das aufgeben“, sagt Anne zu sich selbst. „Ich darf nicht in Helens Nähe bleiben.“
Kurz danach kommt noch ein Schlag: Anne verliert ihre Stelle im Chor. Sie ist zu arm und zu einfach angezogen für die feinen Leute.
Jetzt hat Anne noch weniger Geld.
Es ist ein sehr kalter Abend. Anne geht allein durch die dunkle Straße. Sie trägt schwere Bücher.
Plötzlich bleibt ein Mann stehen.
„Anne? Sind Sie das wirklich?“
Anne schaut auf. Es ist Gregory Dexter.
Dexter ist überrascht und traurig. Früher war Anne reich und schön angezogen. Jetzt ist sie arm und allein.
„Ich bringe Sie nach Hause“, sagt er.
Er ruft einen Wagen und trägt ihre Bücher.
Anne ist müde und kalt. Zum ersten Mal seit langer Zeit hilft ihr jemand. Das tut ihr gut.
Dexter kommt mit bis zu ihrem Haus. Er sieht das kalte, leere Zimmer. Er sieht, wie arm Anne lebt.
„So wohnst du also“, sagt er leise. „Das ist alles, was du hast.“
Dexter macht Feuer im kalten Zimmer. Dann sorgt er für ein warmes Essen.
Er erzählt Anne von seinem Leben. Auch er hatte einmal Liebeskummer. Aber der Gedanke an Anne hat ihm geholfen.
„Ich habe dich einmal gefragt, ob du meine Frau wirst“, sagt er. „Du hast Nein gesagt. Aber ich lasse dich jetzt nicht allein.“
Dexter füllt das Haus mit Essen und Holz. Er ist streng und bestimmt — aber sehr gut zu Anne.
Bald findet er auch eine neue Stelle im Chor für sie.
Jetzt hat Anne wieder ein bisschen mehr Geld. Sie kann wieder Geld nach Hause schicken, für den kranken André und die Familie.
Anne ist Dexter sehr dankbar. Er ist jetzt ihr treuer Freund.
Aber in Dexters Augen ist etwas Neues. Vielleicht ist es mehr als nur Freundschaft.
An einem Sonntag singt Anne im Kirchenchor. Plötzlich kommt ein Paar in die Kirche.
Es ist Helen — und Heathcote.
Helen ist wunderschön. Heathcote sitzt neben ihr. Es ist warm in der Kirche. Heathcote nimmt einen Fächer und fächelt Helen ganz sanft Luft zu.
Anne sieht: Helen ist glücklich. Und Heathcote ist gut zu ihr.
Anne wird ganz blass.
„Ich kann heute nicht singen“, sagt sie leise. „Mir ist nicht gut.“
Schnell geht sie hinaus. Auf der Straße weint Anne. Sie ist eifersüchtig und traurig.
„Er hat mich nie geliebt“, denkt sie. „Ich war eine Närrin.“
Aber das stimmt nicht. Anne weiß nur nicht, was in Heathcotes Herzen ist.
Ein Monat vergeht. Anne arbeitet weiter. Der Krieg geht weiter.
Eines Morgens liest Anne die Zeitung. Plötzlich sieht sie einen Namen in der Liste der Toten:
„Kapitän Ward Heathcote.“
Anne erstarrt. Heathcote ist tot? Gefallen im Krieg?
Anne denkt nicht mehr an sich selbst. Sie denkt nur an Helen. Sofort fährt sie zu Helen.
Helen liegt still in einem dunklen Zimmer. Sie ist ganz gebrochen.
Anne kniet neben sie und nimmt sie in den Arm.
„Helen“, flüstert sie. „Arme Helen.“
Im Tod gibt es keine Eifersucht mehr — nur die gemeinsame Trauer. Die beiden Frauen halten sich fest.
Anne bleibt lange bei Helen. Dann geht sie nach Hause.
Kurz danach kommt ein Telegramm für Helen. Alle im Haus hören plötzlich einen Schrei.
Es ist kein trauriger Schrei. Es ist ein Schrei der Freude!
Denn Heathcote lebt! In der Zeitung war ein Fehler. Er ist verletzt, aber nicht in Gefahr.
Helen wartet keine Minute. Sofort reist sie zu ihm.
Sie findet ihn in einem Hospital, weit weg. Sein Arm ist verletzt, aber es geht ihm schon besser.
Nach ein paar Tagen ist Heathcote stark genug. Zusammen fahren sie nach Hause.
Endlich sind Helen und Heathcote wieder zusammen.
Auf dem Weg nach Hause übernachten Helen und Heathcote in einem kleinen Gasthaus auf dem Land.
In der Nacht passiert etwas Schreckliches.
Am Morgen findet man Helen tot in ihrem Zimmer. Jemand hat sie getötet.
Die ganze Stadt ist entsetzt. Wer war das?
Die Polizei findet viele Spuren. Und alle Spuren zeigen auf einen Mann: auf Heathcote, ihren eigenen Mann.
Denn Heathcote war in der Nacht bei ihr. Und nach Helens Tod bekommt er ihr ganzes Geld.
Die Polizei verhaftet Heathcote. Man sagt: Er hat seine eigene Frau getötet.
Anne liest die Zeitung. Sie kann es nicht glauben.
„Nein“, flüstert sie. „Das hat er nicht getan. Niemals.“
Der Prozess gegen Heathcote beginnt. Die ganze Stadt spricht darüber.
Die Polizei hat viele Beweise. Heathcote war in der Nacht bei Helen. Man hat ihn gesehen. Auf dem Fenster sind Spuren von seiner linken Hand. (Sein rechter Arm ist ja verletzt.) Und am Fluss findet man ein Handtuch mit Blut.
Alle Beweise zeigen auf Heathcote.
Fast alle Menschen glauben: Heathcote ist schuldig. Er hat seine Frau getötet — für ihr Geld.
Anne liest jeden Tag die Zeitung. Jeder Bericht macht ihr Angst.
„Aber warum?“, denkt sie. „Warum sollte er das tun? Helen hat ihn geliebt, und er war gut zu ihr.“
Nur wenige Menschen glauben an Heathcote. Anne ist eine von ihnen.
Anne hat etwas Wichtiges: einen Brief von Helen.
Helen hat ihn in ihrer letzten Nacht geschrieben — kurz vor ihrem Tod.
In dem Brief steht: Helen war sehr glücklich. Sie hat Heathcote von ganzem Herzen geliebt.
„Kein Mensch ist so glücklich wie ich“, hat Helen geschrieben.
Anne versteht: Dieser Brief ist wichtig. Er zeigt: Helen und Heathcote waren nicht im Streit. Helen war glücklich.
Also stimmt die Geschichte nicht, dass Heathcote böse und wütend war.
Aber Anne hat auch Angst. Wenn sie den Brief zeigt, muss sie viel erzählen. Auch von sich selbst.
Dann kommt eine neue Zeugin vor Gericht: die Dienerin Bagshot.
Bagshot erzählt: Am Tag, als alle Heathcote für tot hielten, kam eine junge Frau zu Helen. Die beiden Frauen haben lange geredet. Bagshot hat heimlich zugehört.
Bagshot sagt: Helen war eifersüchtig. Es gab eine andere Frau — eine Frau, die Heathcote liebt.
Jetzt hat das Gericht einen Grund für den Mord: Heathcote liebt eine andere Frau. Darum, sagt man, hat er Helen getötet.
Anne liest das und erschrickt. Denn diese junge Frau — das war sie selbst!
Bagshot hat die Worte falsch verstanden. Anne weiß: Sie muss zum Gericht gehen. Sie muss die Wahrheit sagen.
Nur so kann sie Heathcote retten.
Anne packt ihre Tasche. Sie will sofort nach Multomah, zum Gericht.
Dexter kommt. Er sieht: Anne geht, egal was er sagt.
„Ich bringe dich hin“, sagt er. „Aber ich habe Angst um dich. Alle werden über dich reden. Dein Name kommt in alle Zeitungen.“
Dann fragt er leise:
„Heirate mich, Anne. Heute noch. Dann gehst du als meine Frau vor Gericht. So kann dich niemand beleidigen.“
Anne ist gerührt. Dexter ist gut und treu. Aber sie schüttelt den Kopf.
„Ich kann nicht“, sagt sie. „Denn ich liebe Heathcote. Immer noch.“
Dexters Gesicht wird traurig. Aber dann sagt er ruhig:
„Gut. Ich bringe dich trotzdem hin. Ich habe es versprochen.“
Zusammen fahren sie los — zum Gericht, zu Heathcote.
Anne steht vor dem Gericht. Alle Menschen schauen sie an. Sie hat große Angst, aber sie bleibt stark.
Anne erzählt die Wahrheit über ihr Gespräch mit Helen.
„Helen war nicht böse auf mich“, sagt sie. „Wir waren Freundinnen. Und Helen hat ihren Mann von ganzem Herzen geliebt.“
Dann zeigt Anne Helens Briefe. Auch den letzten Brief — geschrieben in Helens letzter Nacht.
In dem Brief steht: „Kein Mensch ist so glücklich wie ich.“
Jetzt sehen alle: Helen war glücklich. Sie und Heathcote waren nicht im Streit. Also stimmt der Grund für den Mord nicht mehr.
Anne muss auch sagen: „Ich liebe Heathcote.“ Vor allen Menschen. Es ist sehr schwer für sie. Aber sie tut es — für ihn.
Für einen kurzen Moment schauen sich Anne und Heathcote in die Augen.
Jetzt wartet das Gericht auf ein Urteil.
Die Männer im Gericht reden viele Stunden. Anne wartet allein in einem dunklen Haus. Sie kann kaum atmen.
Am Abend kommt die Antwort. Aber es ist keine Antwort.
Die Männer sind sich nicht einig. Einige glauben: Heathcote ist schuldig. Andere glauben: Er ist unschuldig.
Es gibt kein Urteil. Der Prozess geht später weiter, im November.
Heathcote bleibt im Gefängnis. Er ist noch nicht frei.
Anne ist müde und traurig. Aber sie gibt nicht auf.
„Es gibt nur einen Weg“, denkt sie. „Ich muss den wahren Mörder finden.“
Anne besucht Heathcote im Gefängnis. Sie fragt ihn viele Fragen über die Nacht des Mordes.
Heathcote erzählt: In der Nacht war er am Fluss und wollte baden. Am Ufer war ein fremder Mann. Der Mann hat gefragt:
„Ist das Wasser kalt?“
Aber er hat nicht „kalt“ gesagt. Er hat „galt“ gesagt.
Anne merkt sich das. Und noch etwas ist wichtig: Die Spur der Hand am Fenster ist nicht Heathcotes Hand. Sie ist breiter und kürzer.
Anne ist jetzt sicher: Ein anderer Mann war der Mörder. Ein Mann mit einer breiten linken Hand. Ein Mann, der „galt“ statt „kalt“ sagt.
Anne fährt mit Miss Lois heimlich nach Timloesville. Dort will sie diesen Mann finden.
In Timloesville sagen Anne und Miss Lois nicht, wer sie wirklich sind. Sie nennen sich „Frau Young“ und „Ruth“.
Miss Lois sucht im Dorf nach einem Mann mit einer linken Hand.
Anne rudert jeden Tag mit einem kleinen Boot den Fluss hinauf. Weit oben, mitten im Wald, findet sie ein kleines Holzhaus am Wasser.
Dort wohnt ein Fischer. Er heißt Croom. Er ist klein und breit. Er hat eine breite linke Hand mit dicken Fingern.
Anne spricht mit ihm über das Wasser.
„Ist das Wasser kalt?“, fragt sie leise.
„Kalt genug im April“, sagt der Fischer. Aber er sagt „galt“.
Annes Herz schlägt schnell. Das ist er! Das ist der Mörder.
Er hat Helen getötet, um ihr Geld und ihre Ringe zu stehlen. Danach ist er mit dem Boot geflohen.
Aber Anne hat noch keinen Beweis. Wie soll sie es beweisen?
Im Haus des Fischers hängt ein Bild von der heiligen Maria. Anne versteht: Der Fischer ist katholisch.
Da hat Anne eine Idee.
„Wir holen Père Michaux!“, sagt sie.
Père Michaux, der alte Priester von der Insel, kommt sofort. Er ist auch katholisch. Langsam gewinnt er das Vertrauen von Croom.
Eines Tages erzählt Croom dem Priester alles. Er hat Helen getötet. Er wollte nur stehlen. Aber Helen ist aufgewacht.
Croom gibt die Uhr, die Ringe und das Handtuch zurück. Jetzt gibt es einen Beweis.
Endlich ist klar: Heathcote ist unschuldig! Er hat seine Frau nicht getötet.
Heathcote kommt frei. Die ganze Stadt weiß jetzt: Er war immer unschuldig.
Heathcote nimmt Helens Geld nicht. Er gibt alles einem Kinderkrankenhaus.
Er schreibt Anne einen Brief:
„Lass mich zu dir kommen, Anne. Sonst gehe ich zurück in den Krieg. Mein altes Leben kann ich nicht mehr ertragen.“
Anne liebt ihn. Aber sie schreibt nur ein Wort zurück: „Geh.“
Und Heathcote geht. Er geht zurück zur Armee.
Mehr als zwei Jahre vergehen. Der Krieg geht weiter. Anne lebt ruhig auf ihrer Insel und wartet.
Endlich ist der Krieg zu Ende. Es ist Frieden.
An einem schönen Tag im Juni stehen zwei Menschen oben auf dem Berg der Insel. Sie schauen auf das Wasser und das kleine Dorf.
Es sind Anne und Heathcote.
Heathcote nimmt Anne in den Arm.
„Morgen wirst du meine Frau“, sagt er leise. „Ich habe so lange auf dich gewartet.“
Am nächsten Morgen heiraten sie in der kleinen Kirche auf der Insel. Père Michaux führt Anne zum Altar. Das ganze Dorf ist da.
Anne trägt ein einfaches weißes Kleid. Sie sind nicht reich. Aber sie sind sehr glücklich.
Miss Teller flüstert Anne ins Ohr:
„Ich glaube, Helen weiß alles. Und sie freut sich für dich.“
Anne und Heathcote sind endlich zusammen.
**— Ende —**
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