„Was dieses Buch so besonders und spannend macht, ist die Verbindung zwischen Psychologie und Gehirnanatomie. Die psychologischen Ideen, die ich hier vorstelle, hängen direkt mit dem Aufbau unseres Gehirns zusammen. Sie basieren also auf dem, was wir über bestimmte Gruppen von Gehirnzellen und ihre Funktionen wissen.“
Im Großen und Ganzen geht es in diesem Buch um eine Erfahrung, die wir alle teilen: Wir begegnen im Leben immer wieder Herausforderungen und müssen entscheiden, wie wir damit umgehen. Die Autorin zeigt, welche Möglichkeiten wir haben, unser Leben möglichst gut zu gestalten, wenn wir dabei berücksichtigen, wie unser Gehirn aufgebaut ist.
Im Mittelpunkt stehen vier typische und relativ leicht erkennbare Persönlichkeitsanteile, die jeder Mensch in sich trägt. Diese vier „Charaktere“ entstehen durch verschiedene Bereiche unseres Gehirns. Jede Fähigkeit, die wir besitzen, hängt von bestimmten Gehirnzellen ab. Die vier unterschiedlichen Zellgruppen sind jeweils für andere Fähigkeiten zuständig. Dadurch entstehen vier verschiedene Arten zu denken, zu fühlen und auf die Welt zu reagieren.
Das Buch möchte uns dabei helfen, diese vier inneren Charaktere besser kennenzulernen. Wenn wir verstehen, welcher Charakter gerade in uns aktiv ist, können wir bewusster entscheiden, wie wir reagieren möchten.
Die Autorin beschreibt das Buch deshalb als eine Art Wegweiser zu mehr innerem Frieden. Dieser Frieden ist ihrer Meinung nach nicht weit entfernt. Manchmal beginnt er schon mit einem einzigen bewussten Gedanken.
Jills Geschichte ist faszinierend. Im Jahr 1996, als sie 37 Jahre alt war, hat sie einen Schlaganfall in der linken Gehirnhälfte erlitten. Dadurch ist ihre rechte Gehirnhälfte vorübergehend dominant geworden. Ihre vollständige Genesung hat acht Jahre gedauert.
Als die linke Gehirnhälfte ausgefallen ist
Jill beschreibt, wie innerhalb von nur vier Stunden eine Gehirnfunktion nach der anderen ausgefallen ist. Am Nachmittag des Schlaganfalls konnte sie nicht mehr gehen, sprechen, lesen oder schreiben. Sie konnte sich auch nicht mehr an ihr bisheriges Leben erinnern. Sie sagt, sie sei praktisch zu einem Baby im Körper einer erwachsenen Frau geworden.
Viele Fähigkeiten, die für uns selbstverständlich sind, waren plötzlich verschwunden. Jill konnte Zeit nicht mehr als eine klare Reihenfolge erleben. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft haben für sie nicht mehr so funktioniert wie vorher. Deshalb hat sie auch keinen Zeitdruck und keine Dringlichkeit mehr gespürt.
Sie konnte weder sprechen noch Sprache verstehen. Außerdem konnte sie nicht mehr erkennen, wo ihr Körper begann und wo er endete. Die Grenze zwischen ihr selbst und ihrer Umgebung war für sie nicht mehr deutlich.
Auch das Gefühl, eine einzelne Person mit einer eigenen Persönlichkeit zu sein, ist verschwunden. Begriffe wie Selbsthass, Schuld oder Einsamkeit konnte sie nicht mehr verstehen. Sie hatte keine Reue wegen der Vergangenheit, keine Angst vor der Gegenwart und keine Erwartungen an die Zukunft.
Die Erfahrung der rechten Gehirnhälfte
Als Jill später am selben Nachmittag wieder aufgewacht ist, war sie überrascht, dass sie noch lebte. Während des Schlaganfalls hatte sie innerlich schon Abschied von ihrem Leben genommen. Doch dann hat sie erkannt: Sie war noch da.
Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, einen Zustand vollkommener Ruhe gefunden zu haben. Sie bezeichnet diesen Zustand als Nirwana. Daraus entstand für sie eine wichtige Erkenntnis: Wenn sie diesen inneren Frieden erleben konnte und trotzdem noch lebte, dann musste dieser Zustand grundsätzlich auch für andere Menschen möglich sein.
Sie stellte sich eine Welt vor, in der Menschen friedlich, liebevoll und mitfühlend miteinander umgehen. Diese Menschen würden bewusst lernen, sich für einen Moment von den typischen Denkweisen der linken Gehirnhälfte zu lösen und stärker auf die rechte Gehirnhälfte zuzugreifen.
Jill hat verstanden, dass ihre Erfahrung trotz des Schlaganfalls auch ein großes Geschenk sein könnte. Sie konnte anderen Menschen zeigen, wie sehr unser Erleben davon abhängt, welcher Teil unseres Gehirns gerade die Führung übernimmt. Genau diese Erkenntnis hat sie motiviert, wieder gesund zu werden.
Während die rechte Gehirnhälfte fast allein aktiv war, hat Jill eine tiefe Ruhe und Glückseligkeit erlebt. Für sie existierte nur der gegenwärtige Moment. Zeit schien keine Rolle mehr zu spielen.
Sie fühlte sich mit dem gesamten Universum verbunden. Ihr Körper kam ihr nicht mehr wie ein klar begrenztes Objekt vor. Stattdessen fühlte sie sich wie eine riesige Energiekugel, die sich mit der Energie um sie herum vermischte.
Sie nahm die Welt nicht mehr hauptsächlich als einzelne Gegenstände wahr. Vielmehr sah sie winzige Teilchen und Strukturen, die gemeinsam einen großen, kosmischen Fluss bildeten. Ihr eigenes Wesen erschien ihr enorm, offen und grenzenlos.
Sie hatte den Eindruck, dass alle Menschen energetisch Teil desselben Wesens sind. Alles war miteinander verbunden, wie ein Gewebe aus unzähligen kleinen Molekülen, die ständig in Bewegung sind. Ihr Geist fühlte sich frei und unbegrenzt an. Sie war gleichzeitig Teil des großen Ganzen und so weit wie das Universum selbst.
Als die linke Gehirnhälfte zurückgekommen ist
Während der achtjährigen Genesung haben sich die Nervenschaltungen in Jills linker Gehirnhälfte nach und nach erholt. Die Fähigkeiten der linken Gehirnhälfte wurden wieder stärker, und auch ihre beiden linken „Charaktere“ sind langsam zurückgekehrt.
Ihr linker denkender Charakter, den sie später Charakter 1 nennt, wollte erneut die Kontrolle übernehmen. Vor dem Schlaganfall war dieser Teil ihrer Persönlichkeit sehr leistungsfähig gewesen. Unter seiner Führung hatte Jill beruflich viel erreicht.
Nach dem Schlaganfall hatten sich ihre Werte jedoch verändert. Geld, Status und gesellschaftliches Ansehen waren für sie nicht mehr so wichtig wie früher. Natürlich wusste sie, dass sie wieder arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen musste. Trotzdem wünschten sich ihre rechten Gehirncharaktere ein ruhigeres Leben.
Sie wollte langsamer leben und mehr Zeit mit ihrer Familie und ihren Freunden verbringen. Tiefe und bedeutungsvolle Beziehungen waren für sie wichtiger geworden.
Vor dem Schlaganfall war Jill sehr zielstrebig. Für ihre Karriere als Neuroanatomin in Harvard war sie bereit gewesen, weit weg von ihrer Heimat und den Menschen zu leben, die sie liebte. Beruflicher Status und ein höheres Einkommen hatten damals großen Einfluss auf ihre Entscheidungen.
Sie war dankbar, dass sie die wichtigen Fähigkeiten ihres linken denkenden Charakters zurückgewonnen hatte. Trotzdem wollte sie nicht mehr in ein Leben zurückkehren, das nur aus Arbeit, Arbeit und noch mehr Arbeit bestand.
Vor dem Schlaganfall hatte ihr linker Charakter Erfolg vor allem durch äußere Belohnungen definiert. Nach dem Schlaganfall fanden ihre rechten Charaktere Sinn in anderen Dingen: zu lieben, geliebt zu werden und für andere Menschen da zu sein.
Ihr linker emotionaler Charakter 2 ist durch den Schlaganfall dagegen fast vollständig ausgelöscht worden. Jill vergleicht das mit einer Computerplatine, die komplett gelöscht wurde. Dieser Teil hat sich nie vollständig erholt. Deshalb ist auch ihre emotionale Vergangenheit dauerhaft verschwunden.
Trotzdem war sie später erleichtert, wieder Gefühle erleben zu können. Emotionen geben dem Leben Tiefe und helfen uns, persönlich zu wachsen.
Mit der Zeit sind auch Gefühle wie Ärger, Schuld und Verlegenheit zurückgekommen. Dazu kamen viele feinere Emotionen, die menschliche Erfahrungen komplexer und interessanter machen.
Jill betont, dass sogar negative Gefühle unser Leben bereichern können. Sie geben unseren Erfahrungen mehr Nuancen und machen sie bedeutungsvoller.
Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Reise in die Tiefen ihres Gehirns war für sie jedoch folgende: Wir besitzen die Fähigkeit, unsere emotionalen Nervenschaltungen bewusst zu aktivieren oder zu beruhigen. Unsere Gefühle entstehen zwar im Gehirn, aber wir sind ihnen nicht immer vollständig ausgeliefert.
Die Dualität in unserem Gehirn
Unsere beiden Gehirnhälften arbeiten gemeinsam in einem einzigen Kopf. Trotzdem betrachten sie die Welt auf sehr unterschiedliche Weise. Dadurch entsteht eine natürliche Dualität, also eine innere Zweiteilung.
Deshalb ist es ganz normal, dass wir manchmal einen inneren Konflikt erleben. Ein Teil von uns will vielleicht Sicherheit, Ordnung und Kontrolle, während ein anderer Teil spontan sein, loslassen und den Moment genießen möchte. Dieser Konflikt entsteht laut Jill nicht zufällig. Er hängt mit den zwei unterschiedlichen Perspektiven unserer linken und rechten Gehirnhälfte zusammen.
Besonders wichtig ist dabei, wie die beiden emotionalen Gehirnhälften Gefahren beurteilen. Sie erhalten zwar ähnliche Informationen, bewerten diese aber unterschiedlich.
Der rechte emotionale Charakter 3 lebt ständig im gegenwärtigen Moment. Er fühlt sich direkt mit dem Universum und mit allem verbunden, was existiert. Für ihn steht nicht das einzelne Ich im Mittelpunkt, sondern die Beziehung zum großen Ganzen.
Der linke emotionale Charakter 2 orientiert sich dagegen stark an der Vergangenheit. Sobald er frühere Erfahrungen und Erinnerungen einbezieht, erlebt er sich als einzelne Person in einer äußeren, dreidimensionalen Welt. Er fühlt sich nicht mehr einfach als Teil des großen Flusses, sondern getrennt und möglicherweise allein.
So haben sich unsere linke und rechte Gehirnhälfte auf zwei getrennten, aber parallelen Wegen entwickelt. Die rechte Gehirnhälfte wurde zum Bereich des Weiblichen, des Yin und der ruhigen Verbindung mit dem Hier und Jetzt. Die linke Gehirnhälfte entwickelte dagegen eher männliche, Yang-orientierte und egozentrierte Eigenschaften. Dabei geht es vor allem um unsere Individualität und unsere Erfahrungen aus der Vergangenheit.
Ein Problem entsteht, wenn wir diese Dualität ignorieren und nur die Sichtweise der linken Gehirnhälfte ernst nehmen. In der Welt der rechten Gehirnhälfte gibt es unzählige Erfahrungen, die sich nicht mit den klaren Definitionen und der Logik der linken Seite erklären lassen.
Sogar die Existenz des Lebens selbst kann die linke Gehirnhälfte nicht vollständig erklären. Deshalb ist es wichtig zu verstehen: Nur weil unsere linke Gehirnhälfte eine bestimmte Meinung über etwas hat, bedeutet das noch lange nicht, dass diese Meinung wahr ist.
Das Ego und unsere persönliche Identität
Als Jills linkes Denknetzwerk während des Schlaganfalls ausgefallen ist, ist auch ein bestimmter Teil ihrer Persönlichkeit verschwunden. Es war der Teil, den sie viele Jahre lang als ihr Ego oder ihr persönliches Ich gekannt hatte.
Vor dem Schlaganfall wusste sie, wer sie war, weil eine bestimmte Gruppe von Zellen in ihrer linken Gehirnhälfte ihre Identität hergestellt hat. Diese Zellen enthielten Informationen wie ihren Namen, ihren Wohnort, ihre Lieblingsfarbe und viele weitere persönliche Einzelheiten.
Tag für Tag haben diese Ego-Zellen ihre Erinnerungen, Vorlieben, Abneigungen und Erfahrungen organisiert. All diese Informationen bildeten gemeinsam ihre Identität als Jill Bolte Taylor.
Jill erklärt es so: Sie existierte als Jill Bolte Taylor, weil die Zellen in ihrem linken Ego-Zentrum ihr sagten, dass sie diese Person war.
Als diese Zellen ausgefallen sind und Jill vollständig in das Erleben ihrer rechten Gehirnhälfte gewechselt ist, wusste sie nicht mehr, wer sie war. Sie konnte sich an nichts aus ihrem Leben vor dem Schlaganfall erinnern.
Es fühlte sich nicht so an, als hätte sie eine Erinnerung nur vorübergehend verloren. Vielmehr war es für sie so, als hätte diese Erinnerung nie existiert. Auch die Person Jill Bolte Taylor schien nie existiert zu haben.
Der Gedanke kann beunruhigend sein: Unsere Identität wird von einer relativ kleinen Gruppe von Zellen in der linken Gehirnhälfte erzeugt. Wenn diese Zellen nicht mehr funktionieren, können wir plötzlich das Gefühl für uns selbst verlieren. Genau so empfindlich und zerbrechlich ist unsere Ego-Identität.
Auch der ständig sprechende innere Dialog ihrer linken Gehirnhälfte ist verstummt. Jill nennt ihn den „Affenverstand“, weil er normalerweise ununterbrochen von einem Gedanken zum nächsten springt.
Da diese inneren Sprachkreise ausgefallen waren, hat sie fünf Wochen lang in einem vollkommen stillen Gehirn gelebt. Selbst die kleine innere Stimme, die normalerweise sagt: „Ich bin eine einzelne Person. Ich bin vom Ganzen getrennt. Ich bin Dr. Jill Bolte Taylor“, war verschwunden.
Ihr linker emotionaler Charakter 2 hatte sie früher auf emotionaler Ebene in der äußeren Welt verankert. Ohne diesen Charakter ist auch ihr Ego verschwunden. Damit gingen alle persönlichen Inhalte ihrer Identität verloren.
Jill wusste nichts mehr über ihr eigenes Leben. Sie erkannte sogar ihre Mutter nicht. Ihre Mutter verlor in diesem Moment gewissermaßen ihre „Mutterrolle“, denn Jill wusste weder, wer diese Frau war, noch was eine Mutter überhaupt ist.
Ohne Sprache konnte sie den Dingen keine Namen geben. Sie konnte die verschiedenen Elemente der äußeren Welt nicht als einzelne Dinge voneinander unterscheiden. Deshalb war es ihr auch nicht möglich, abstrakt zu denken.
Viele Autoren und Lehrer sprechen vom „authentischen Selbst“, also vom wahren inneren Ich. Jill meint, dass sie damit meistens den Charakter 4 beschreiben.
Sie betont jedoch, dass keiner der vier Charaktere authentischer ist als die anderen. Jeder Charakter entsteht aus realen Zellgruppen in unserem Gehirn und ist deshalb ein echter Teil unserer Persönlichkeit. Alle vier sollten mit Würde und Respekt behandelt werden.
Wie das Ego die Welt organisiert
Das linke Gehirn erzeugt eine Art inneres Bild von uns selbst. Dadurch können wir unterscheiden, was zu unserem Körper gehört und was außerhalb von uns liegt.
Sobald diese Grenze entsteht, nimmt die linke Gehirnhälfte die physische Welt als etwas von uns Getrenntes wahr. Es gibt dann eine äußere Realität und eine innere Realität.
Die äußere Welt und unsere Beziehung zu ihr treten nun in den Vordergrund. Wir erleben uns nicht mehr einfach als Teil des Ganzen, sondern als einzelnes Wesen.
Mit dieser Trennung entsteht auch Unsicherheit. Wenn wir ein eigenes Ich besitzen, gibt es plötzlich etwas, das wir verlieren können: unsere Identität und letztlich auch unser Leben.
Wir werden zum Mittelpunkt unseres eigenen Universums. Dann beginnen die Ego-Zellen der linken Gehirnhälfte, alles in der äußeren Welt um unsere eigene Person herum zu organisieren.
Die Verbindung mit dem großen, zeitlosen Fluss verschwindet dabei nicht vollständig. Sie tritt jedoch in den Hintergrund, weil sich unsere Aufmerksamkeit nun stärker auf die äußere Welt und auf unsere Rolle als einzelne Person richtet.
Als Jills linke Gehirnhälfte ausgefallen ist, hat sie alle Wörter und die gesamte Sprache verloren. Auch die mentale Datei, in der die Einzelheiten ihres Lebens gespeichert waren, war nicht mehr verfügbar.
Deshalb hatte sie keine persönliche Identität und wusste nichts über sich selbst. Ihr Bewusstsein war zwar noch immer im selben Körper vorhanden, aber die Person, die sie vor dem Schlaganfall gewesen war, existierte für sie nicht mehr. Ihre Vorlieben und Abneigungen waren verschwunden.
Trotzdem blieb sie ein bewusstes und lebendiges Wesen. Sie konnte nur nicht mehr mit Worten kommunizieren. Sprache war für sie zu einer Reihe von Geräuschen ohne Bedeutung geworden.
Diese Erfahrung war für Jill der erste Schritt ihrer persönlichen Heldenreise. Sie legte das Schwert ihres Egos, also ihre Individualität, ab und betrat den unbewussten Bereich ihrer rechten Gehirnhälfte.
Die Reise des Helden
Jill vergleicht die Reise durch unser Gehirn mit der klassischen Heldenreise von Joseph Campbell. Campbell beschreibt ein Grundmuster, das in vielen Geschichten und Mythen vorkommt.
Auf die Sprache des Gehirns übertragen bedeutet das: Der Held verlässt das egozentrierte Bewusstsein der linken Gehirnhälfte und betritt den unbewussten Bereich der rechten Seite.
Dort fühlt er sich mit allem verbunden, was existiert. Gleichzeitig erlebt er einen tiefen inneren Frieden.
Bevor sich die Ego-Zellen der linken Gehirnhälfte entwickeln, besitzt der Mensch den kollektiven Zugang zum unbewussten Wissen der rechten Gehirnhälfte. Mit der Zeit wird das individuelle linke Gehirn jedoch immer stärker.
Es beginnt, das Wissen der rechten Gehirnhälfte zu dominieren und zu unterdrücken. Dadurch verschiebt sich das kosmische Bewusstsein der rechten Seite in den Hintergrund. Später erleben wir es nur noch als unsere unbewusste Intuition.
Die linken Charaktere 1 und 2 betrachten den Raum zwischen zwei Dingen als Beweis dafür, dass diese Dinge voneinander getrennt sind.
Die Wissenschaft zeigt jedoch, dass uns ein elektromagnetisches Feld aus Atomen und Molekülen umgibt. Wir existieren in diesem Feld, und dieses Feld existiert gleichzeitig in uns.
Unsere linke Gehirnhälfte nimmt dieses Meer aus Energie nicht bewusst wahr. Eine kleine Gruppe von Zellen im Scheitellappen definiert die Grenzen unseres Körpers und erzeugt dadurch das Gefühl, dass wir von der Umgebung getrennt sind.
Jill stellt deshalb eine interessante Frage: Wie würde unsere Welt aussehen, wenn wir verstehen würden, dass unsere Gedanken und Gefühle dieses Energiefeld beeinflussen können?
Vielleicht ist das Verständnis eines Lebens mit dem ganzen Gehirn die gemeinsame Heldenreise der Menschheit. Vielleicht können wir uns dadurch als Spezies weiterentwickeln und bewusster und sinnvoller leben.
Der Ruf zur Heldenreise
Am Anfang muss der Held das rationale und egozentrierte Bewusstsein der linken Gehirnhälfte hinter sich lassen. Dieser Teil verarbeitet hauptsächlich die äußere Realität.
Der Held muss bereit sein, seine feste Individualität für eine Zeit loszulassen. Auch Besitz, weltliches Wissen und äußere Sicherheit dürfen nicht mehr im Mittelpunkt stehen.
Außerdem muss er das starke Bedürfnis der linken Gehirnhälfte ablegen, alles zu beurteilen und ständig Gerechtigkeit zu fordern.
Die unbewusste Welt
Dann betritt der Held den unbewussten Bereich der rechten Gehirnhälfte. Dort begegnet er der Anima oder dem Animus. Damit ist die Vorstellung gemeint, dass die menschliche Seele sowohl weibliche als auch männliche Seiten enthält.
Der Held lernt nun die mitfühlenden und barmherzigen Eigenschaften der rechten Gehirnhälfte kennen. Gleichzeitig muss er gegen seine Angst vor dem Tod und gegen andere innere Monster kämpfen, die aus der linken Gehirnhälfte stammen.
Während dieser Reise gewinnt er wichtige Erkenntnisse. Dabei ist er von der Weisheit und dem tiefen Glücksgefühl seiner rechten Gehirnhälfte umgeben.
Die Rückkehr
Am Ende muss der Held entscheiden, ob er nach Hause zurückkehren möchte. Wenn er zurückkehrt, kann er sein schwer gewonnenes Wissen über das ganze Gehirn mit anderen teilen.
Doch die Rückkehr ist nicht einfach. Der Held hat sich verändert. Nun muss er herausfinden, wie er wieder in der äußeren Welt leben kann, ohne die Erkenntnisse seiner Reise zu verlieren.
Seine Aufgabe besteht darin, ein ausgeglichenes Leben zu führen. Dabei soll er sich sowohl seiner bewussten als auch seiner unbewussten Charaktere bewusst bleiben. Gleichzeitig muss er lernen, mit ihren unterschiedlichen und manchmal widersprüchlichen Werten umzugehen.
Das Bewusstsein von Charakter 4 ist das entfernteste Ziel dieser Reise. Wenn wir zu diesem Bewusstsein zurückkehren, ist es wie eine Heimkehr zu unserem friedlichsten und wertvollsten inneren Selbst.
Charakter 4 ist ein authentischer Teil von uns, weil er der Teil ist, den wir mit dem großen Ganzen teilen. Trotzdem bedeutet das nicht, dass nur dieser Charakter echt ist. Jeder der vier Charaktere ist auf seine eigene Weise ein authentischer Teil unserer Persönlichkeit.
Unser Gehirn besteht aus verschiedenen Bereichen, die unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Vereinfacht kann man vom Reptiliengehirn, vom Säugetiergehirn, vom menschlichen Gehirn und von den beiden Gehirnhälften sprechen. Alle diese Bereiche arbeiten zusammen.
Das Reptiliengehirn – der Hirnstamm
Der älteste Teil unseres Gehirns ist der Hirnstamm. Er kümmert sich vor allem um grundlegende Funktionen, die unser Überleben sichern. Dazu gehören zum Beispiel:
- Atmung und Herzschlag
- Regulierung der Körpertemperatur
- Gleichgewicht
- Schmerz und Aggression
- Lust und Fortpflanzung
Viele dieser Funktionen arbeiten wie Ein- und Ausschalter. Sobald ein bestimmter Kreislauf aktiviert ist, bleibt er aktiv, bis das entsprechende Bedürfnis erfüllt ist oder der Körper erschöpft ist.
Wenn wir Hunger haben, bleibt dieses Gefühl bestehen, bis wir etwas gegessen haben. Wenn wir Durst haben, bleibt der Durst da, bis wir genug getrunken haben. Jill findet es faszinierend, dass dieser Teil des Gehirns uns sogar sagen muss, wann wir mit dem Trinken aufhören sollen.
Auch unsere Atmung hängt direkt von bestimmten Zellen im Hirnstamm ab. Diese Zellen senden Signale an das Zwerchfell. Das Zwerchfell zieht sich zusammen, und dadurch strömt Luft in unsere Lunge.
Wenn diese Zellen zerstört werden, kann ein Mensch nicht mehr selbstständig atmen. Dann braucht er ein Beatmungsgerät.
Das Säugetiergehirn – unser emotionales System
Über dem Hirnstamm liegt das emotionale System, auch limbisches System genannt. Es verarbeitet die Informationen, die vom Hirnstamm kommen, und bewertet sie emotional.
Man kann sagen: Das Reptiliengehirn sorgt zuerst dafür, dass wir überleben. Das Säugetiergehirn fragt zusätzlich, wie sich eine Situation anfühlt.
Der wichtigste Unterschied zwischen einem Reptil und einem Säugetier ist laut Jill das zusätzliche emotionale Gewebe.
Unsere Emotionen entstehen durch Zellen im limbischen System. Diese Zellen sind auf beide Gehirnhälften verteilt.
Wir sind auch auf dieses emotionale System angewiesen, um Erinnerungen zu bilden. Besonders wichtig sind dabei die beiden Hippocampi – einer in jeder Gehirnhälfte.
Interessant ist, dass die Zellen unseres emotionalen Systems nie vollständig „erwachsen“ werden. Sie reagieren oft direkt, spontan und empfindlich.
Die emotionalen Zellen beider Gehirnhälften erhalten Informationen direkt vom Hirnstamm. Obwohl beide Seiten dieselben grundlegenden Signale bekommen, verarbeiten sie diese Informationen sehr unterschiedlich.
Eine wichtige Rolle spielen dabei die beiden Amygdalae. Wir haben eine Amygdala in jeder Gehirnhälfte. Ihre Aufgabe besteht darin, automatisch zu prüfen, ob etwas gefährlich ist.
Im Grunde stellen sie in jedem Moment die Frage: **„Bin ich sicher?“** Dabei kann es sowohl um körperliche als auch um emotionale Sicherheit gehen.
Unsere beiden emotionalen Systeme beurteilen mögliche Gefahren gleichzeitig, aber aus zwei verschiedenen Perspektiven. Dadurch profitieren wir von beiden Seiten: Die rechte Seite konzentriert sich stärker auf das Gesamtbild im gegenwärtigen Moment. Die linke Seite nutzt Erfahrungen und Erinnerungen aus der Vergangenheit.
Informationen aus der Außenwelt werden zuerst von unserem emotionalen System verarbeitet. Erst danach erreichen sie die höheren Denkzentren.
Deshalb sagt Jill: Aus biologischer Sicht sind wir keine denkenden Wesen, die manchmal fühlen. Wir sind fühlende Wesen, die denken.
Wenn wir widersprüchliche Gefühle haben, liegt das laut Jill daran, dass wir zwei getrennte emotionale Zellgruppen besitzen. Diese Zellgruppen befinden sich in unterschiedlichen Gehirnhälften und teilen keine gemeinsamen Zellkörper.
Das menschliche Gehirn – die Großhirnrinde
Der menschliche Teil des Gehirns besteht vor allem aus höher entwickeltem Denkgewebe in der Großhirnrinde. Dieses Gewebe verarbeitet und verfeinert die Informationen, die aus dem emotionalen System kommen.
Der Unterschied zwischen Menschen und anderen Säugetieren liegt vor allem in diesen zusätzlichen Denkmodulen.
In der Entwicklung einer neuen Tierart entstehen oft neue Gehirnzellen auf einer bereits vorhandenen und gut funktionierenden Struktur. Das neue Gewebe erweitert dann die Fähigkeiten des älteren Gewebes.
Wir Menschen teilen unser tiefer liegendes emotionales System mit anderen Säugetieren wie Hunden oder Affen. Was unser menschliches Gehirn besonders macht, sind die später hinzugekommenen Zellen der beiden Großhirnrinden.
Die emotionalen Zellkörper sind bei unserer Geburt bereits relativ gut miteinander verbunden. Deshalb können Babys von Anfang an Gefühle zeigen.
Bei den Denkzellen ist das anders. Sie befinden sich bei der Geburt zwar schon an ihrer Position in der Großhirnrinde, aber es dauert Jahre, bis sie starke Verbindungen miteinander aufbauen.
Weil wir zuerst fühlende und dann denkende Wesen sind, geben unsere emotionalen Charaktere ihre Informationen an die jeweiligen Denkbereiche weiter.
Der linke emotionale Charakter 2 sendet viele Informationen an den linken denkenden Charakter 1. Der rechte emotionale Charakter 3 gibt seine Informationen an den rechten denkenden Charakter 4 weiter.
Die beiden denkenden Bereiche können anschließend die emotionalen Charaktere regulieren. Gleichzeitig bringen sie ihre unterschiedliche Wahrnehmung von Zeit und Bewusstsein ein.
Wenn jedoch unser Angstsystem im limbischen Bereich stark aktiviert ist, haben wir kaum Zugang zu unseren höheren Denkzentren. Genau dort ist aber ein großer Teil unseres erlernten Wissens gespeichert.
Deshalb können wir in Momenten starker Angst manchmal nicht klar denken, obwohl wir eigentlich wissen, was wir tun sollten.
Warum haben wir zwei Gehirnhälften?
Wir besitzen zwei Gehirnhälften nicht ohne Grund. Beide erfüllen unterschiedliche Aufgaben und sind für unser Leben wichtig.
Ohne die linke Gehirnhälfte könnten wir in der äußeren Welt kaum funktionieren. Wir hätten kein klares Gefühl für Vergangenheit und Zukunft, keine lineare Denkweise, keine Sprache und keine deutliche Vorstellung davon, wo unser Körper beginnt und endet.
Die linke Gehirnhälfte gibt uns also ein Gefühl von Individualität. Die rechte Gehirnhälfte verbindet uns dagegen mit einem größeren Ganzen. Dazu gehören andere Menschen, die gesamte Menschheit und nach Jills Vorstellung sogar das weite Bewusstsein des Universums.
Unsere beiden Gehirnhälften legen Wert auf völlig unterschiedliche Dinge. Wenn unser Herz etwas anderes sagt als unser Kopf, ist das laut Jill oft einfach ein Konflikt zwischen verschiedenen Teilen unseres Gehirns.
Die beiden Gehirnhälften denken über unterschiedliche Dinge nach, interessieren sich für unterschiedliche Themen und besitzen sogar sehr unterschiedliche Persönlichkeiten.
Jede Hälfte hat ihre eigenen Wünsche, Träume, Interessen und Bedürfnisse. In jedem Moment tragen beide Gehirnhälften zu unserer Wahrnehmung, unseren Erfahrungen und unserem Verhalten bei. Trotzdem können bestimmte Zellgruppen andere Zellgruppen hemmen. Deshalb kann eine Gehirnhälfte zeitweise stärker wirken als die andere.
Das Gehirn ist allerdings fast nie vollständig nur links oder nur rechts aktiv. Beide Seiten arbeiten normalerweise gleichzeitig. Nur bei einem vollständigen Ausfall wäre das anders.
Die vier Charaktere entstehen genau aus diesen verschiedenen Gruppen von Denk- und Gefühlszellen in beiden Gehirnhälften.
Jill hat durch ihre eigene Erfahrung gelernt, dass wir alle vier klar unterscheidbare Gruppen von Gehirnzellen besitzen. Diese Zellgruppen verteilen sich auf die linke und die rechte Gehirnhälfte.
Zwei dieser Gruppen gehören zu den höheren Denkzentren in der Großhirnrinde. Die beiden anderen gehören zu den emotionalen Zentren des limbischen Systems.
Jede dieser vier Zellgruppen erzeugt eine bestimmte und relativ vorhersehbare Art zu denken, zu fühlen und zu handeln. Jill nennt diese unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile die **vier Charaktere**.
Wenn wir diese Charaktere in unserem eigenen Gehirn kennenlernen, können wir besser verstehen, warum wir in verschiedenen Situationen so unterschiedlich reagieren. Dieses Wissen kann uns mehr innere Freiheit geben.
Charakter 1 verarbeitet Informationen Schritt für Schritt. Er denkt in Worten, logisch und linear. Außerdem orientiert er sich stark an Vergangenheit und Zukunft.
Dieser Charakter ist analytisch und konzentriert sich auf Einzelheiten. Er sucht nach Unterschieden, vergleicht Dinge miteinander und beurteilt, was richtig oder falsch, gut oder schlecht ist.
Charakter 1 ist meistens pünktlich, präzise und gut organisiert. Er plant gern, erstellt Strukturen und bringt Ordnung in die äußere Welt. Außerdem sortiert er Dinge in Kategorien und arbeitet gern mit klaren Regeln.
Er denkt oft aus der Perspektive des einzelnen Ichs. Seine Aufmerksamkeit richtet sich deshalb stark auf Fragen wie: **Was muss ich tun? Was gehört mir? Was ist mein Ziel?**
Dieser Charakter ist beschäftigt, effizient und zielorientiert. Er respektiert normalerweise Autoritäten und Regeln. Gleichzeitig kann er sehr kritisch, kontrollierend und perfektionistisch sein.
Das Persona–Archetyp
Jill verbindet Charakter 1 mit Carl Jungs Archetyp der **Persona**. Die Persona ist die Seite unserer Persönlichkeit, die wir der Außenwelt zeigen. Sie ist gewissermaßen unsere gesellschaftliche Maske.
Charakter 1 hilft uns, in der Welt zu funktionieren und einen bestimmten Eindruck auf andere Menschen zu machen. Er steht für unsere Stärke und unsere sichtbare Rolle in der Gesellschaft.
Wenn dieser Charakter herausgefordert wird, kann er sehr konkurrenzorientiert reagieren. Er verteidigt seine Überzeugungen und kämpft für das, was er für richtig hält.
Durch seine Fähigkeit, Unterschiede zu erkennen, entwickelt Charakter 1 ein persönliches Weltbild. Dieses Weltbild beeinflusst anschließend unsere Entscheidungen und die Richtung unseres Lebens.
Wie Charakter 1 arbeitet
Charakter 1 verarbeitet Informationen nacheinander. Er denkt rational und versucht, Ursache und Wirkung klar miteinander zu verbinden.
Seine Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf die äußere Welt und auf einzelne Dinge. Er nimmt Gegenstände, Menschen und Situationen als etwas wahr, das außerhalb von ihm existiert.
Zeit spielt für diesen Charakter eine wichtige Rolle. Er denkt über die Vergangenheit nach, plant die Zukunft und möchte Termine einhalten. Deshalb kann er sehr effizient sein, aber auch ständig unter Zeitdruck stehen.
Charakter 1 verfolgt klare Ziele. Er handelt bewusst, entwickelt Pläne und versucht, bestimmte Ergebnisse zu erreichen.
Sprache ist für ihn besonders wichtig. Er denkt in Wörtern, zählt, erstellt Listen und gibt den Dingen Namen. Dadurch kann er seine Gedanken klar mit anderen Menschen teilen.
Er bewertet Situationen und trennt zwischen verschiedenen Möglichkeiten. Das macht ihn kompetent und vorsichtig. Es kann aber auch dazu führen, dass er andere Menschen oder sich selbst zu streng beurteilt.
Er liebt Ordnung und wiederholbare Abläufe. Er räumt auf, organisiert, sortiert und entwickelt Systeme. Dabei kann er sich stark auf die Details konzentrieren und manchmal perfektionistisch werden.
Seine besondere Stärke liegt darin, feine Unterschiede zu erkennen. Er analysiert gründlich und formuliert möglichst genau.
Charakter 2 ist ebenfalls Teil der linken Gehirnhälfte, arbeitet aber emotional statt rational.
Dieser Charakter ist vorsichtig, angespannt und stark von Angst geprägt. Er kann starr reagieren und hält sich gern an das, was sich in der Vergangenheit bewährt hat.
Charakter 2 zweifelt, kritisiert und erwartet häufig Probleme. Er kann andere Menschen manipulieren, beschuldigen oder abwerten. Manchmal verhält er sich egoistisch und konzentriert sich fast nur auf den eigenen Schmerz.
Er denkt in Gegensätzen wie: **richtig oder falsch, gut oder schlecht, überlegen oder unterlegen.**
Dieser Charakter kann Schuld, Scham, Angst und Ärger empfinden. Er beschwert sich, hält an alten Verletzungen fest und kann lange Groll oder Ablehnung spüren.
Das Schatten-Archetyp
Jill verbindet Charakter 2 mit Carl Jungs Archetyp des **Schattens**. Der Schatten ist die unbekannte oder dunklere Seite unserer Persönlichkeit. Charakter 2 zeigt sich häufig als der verletzte und unangenehme Teil unseres unbewussten linken Gehirns.
In seiner schwierigsten Form reagiert dieser Charakter sehr emotional auf die Außenwelt. Er übernimmt nicht immer Verantwortung für sein Verhalten. Außerdem kann er seine Zukunft gefährden, weil er vollständig von Schmerzen aus der Vergangenheit beeinflusst wird.
Vergangenheit und emotionale Erinnerungen
Charakter 2 vergleicht jede aktuelle Erfahrung sofort mit ähnlichen Erfahrungen aus der Vergangenheit.
Wenn heute etwas passiert, fragt dieser Teil des Gehirns unbewusst: **Habe ich so etwas schon einmal erlebt? War es damals gefährlich oder schmerzhaft?**
Unsere gegenwärtigen Gefühle hängen deshalb häufig mit Erinnerungen aus einer anderen Zeit und an einem anderen Ort zusammen.
Charakter 2 speichert frühere Schmerzen, um uns in Zukunft schützen zu können. Er erinnert sich daran, was uns verletzt hat, und nutzt diese Informationen, um unsere aktuelle Sicherheit zu beurteilen.
Dieser Charakter ist die Quelle einiger unserer tiefsten Emotionen. Er kann viele positive und negative Gefühle erleben. Diese Gefühle hängen jedoch oft von früheren Erfahrungen oder zukünftigen Erwartungen ab.
Dadurch kann Charakter 2 emotional sehr schnell reagieren. Seine Stimmung kann sich stark verändern.
Auch sein Glück hängt häufig von äußeren Bedingungen ab. Er kann glücklich sein, aber meist nur dann, wenn etwas Bestimmtes in der Außenwelt so läuft, wie er es sich wünscht.
Charakter 2 gehört auch zu unserem Stresssystem. Er sieht das Glas eher als halb leer und erwartet leichter ein negatives Ergebnis.
Schutz vor Verletzungen
Charakter 2 möchte uns vor allem schützen, was uns schon einmal wehgetan hat.
Deshalb sagt er oft sofort „Nein“. Er hält uns zurück und versucht, unangenehme Situationen zu vermeiden.
Wenn er eine Situation als unfair, gefährlich oder verletzend bewertet, kann er laut und heftig reagieren. Er schreit innerlich oder äußerlich gegen das, was er als Ungerechtigkeit wahrnimmt.
Alle Erfahrungen werden durch einen emotionalen Filter geleitet. Dieser Filter prüft, was in der Vergangenheit Schmerzen verursacht hat und was deshalb möglicherweise wieder gefährlich sein könnte.
Wenn Angst ausgelöst wird, aktiviert Charakter 2 eine der typischen Reaktionen: kämpfen, fliehen oder erstarren.
Er kann uns also dazu bringen, uns zu verteidigen, wegzulaufen oder überhaupt nicht mehr zu handeln. Diese Reaktion soll uns schützen und unsere Aufmerksamkeit auf eine mögliche Gefahr richten.
Charakter 3 ist offen, neugierig und bereit, neue Erfahrungen zu machen. Er lebt im gegenwärtigen Moment und reagiert weniger stark auf die Vergangenheit.
Dieser Charakter ist freundlich, mitfühlend und empathisch. Er liebt ohne feste Bedingungen, vergibt leichter und vertraut anderen Menschen.
Er unterstützt, teilt und empfindet Dankbarkeit. Außerdem ist er spielerisch, fröhlich, kreativ und offen für Veränderungen.
Charakter 3 geht gern mit dem Fluss des Lebens. Er sieht Menschen als gleichwertig und betrachtet sich selbst als Teil einer Gemeinschaft.
Das Anima-und-Animus-Archetyp
Jill verbindet Charakter 3 mit Jungs Archetypen **Anima und Animus**. Die Anima steht für die innere weibliche Seite eines Mannes, während der Animus die innere männliche Seite einer Frau beschreibt.
Nach dieser Vorstellung trägt jeder Mensch sowohl weibliche als auch männliche Energie in sich. Diese innere Verbindung ist unabhängig vom biologischen Geschlecht.
Charakter 3 erinnert uns daran, dass wir alle gleich wichtige Mitglieder einer menschlichen Familie sind. Unsere Unterschiede schaden dem Ganzen nicht. Im Gegenteil: Unsere Einzigartigkeit macht die Gemeinschaft vielfältiger und stärker.
Dieser Teil von uns stellt nach Jill eine Verbindung zum kollektiven Bewusstsein der Menschheit her.
Leben im gegenwärtigen Moment
Charakter 3 verarbeitet Erfahrungen direkt in dem Moment, in dem sie stattfinden. Seine Gefühle beziehen sich auf das Hier und Jetzt.
Er erinnert sich nicht auf dieselbe Weise an die Vergangenheit wie Charakter 2. Deshalb bleibt er stärker mit dem gegenwärtigen Moment verbunden.
Das hat Vorteile, kann aber auch riskant sein. Charakter 3 handelt manchmal impulsiv, ohne über spätere Folgen nachzudenken. Er kann sich spontan für etwas entscheiden, weil es sich gerade spannend oder lebendig anfühlt.
Verbindung mit dem großen Ganzen
Charakter 3 erlebt alles als miteinander verbunden. Für ihn geht es weniger um einzelne Dinge und mehr um Beziehungen, Bewegung und den gemeinsamen Fluss.
Dieser Charakter kann sich mit anderen Menschen, mit der Natur oder mit einer höheren Kraft verbunden fühlen. Wie man diese Kraft nennt, hängt vom persönlichen Glauben ab. Man kann von Gott, Allah, dem Universum, der Natur oder einfach von der Kraft des gegenwärtigen Moments sprechen.
Charakter 3 bleibt mit dieser fließenden und verbindenden Ebene des Lebens in Kontakt. Sie befindet sich oft im Hintergrund, während sich unser linkes Gehirn auf die äußere Welt konzentriert.
Gefahr, Freude und der Körper
Charakter 3 erkennt Gefahren aus einer Gesamtperspektive. Er betrachtet die ganze Umgebung und prüft, wie sicher sich die aktuelle Situation anfühlt.
Dabei nutzt er nicht hauptsächlich alte Erinnerungen. Er bewertet die Gefahr anhand der Informationen, die jetzt gerade vorhanden sind.
Dieser Charakter liebt direkte körperliche Erfahrungen. Er bewegt sich gern, probiert Dinge aus und sucht manchmal bewusst nach Aufregung und Adrenalin.
Sein grundlegendes Gefühl ist Freude. Außerdem kann er Dankbarkeit für kleine und große Dinge empfinden.
Charakter 3 ist eng mit dem Körper verbunden. Er liebt Bewegung und körperliche Aktivität.
Er kann auch Körpersprache gut lesen. Er achtet auf Gesichtsausdrücke, Haltung, Tonfall und die Melodie einer Stimme. Aus diesen Signalen erkennt er häufig, wie sich ein anderer Mensch fühlt.
Außerdem sieht Charakter 3 eher Möglichkeiten als Grenzen. Er testet Regeln, probiert Neues aus und bittet manchmal lieber später um Verzeihung, als vorher um Erlaubnis zu fragen.
Charakter 4 denkt nicht hauptsächlich in Worten, sondern in Bildern, Eindrücken und körperlichen Erfahrungen.
Er lebt im gegenwärtigen Moment und betrachtet Situationen ganzheitlich. Statt Unterschiede zu suchen, achtet er auf Ähnlichkeiten und Verbindungen.
Dieser Charakter ist mitfühlend, flexibel und offen. Er konzentriert sich nicht nur auf das Ich, sondern stärker auf das Wir.
Er akzeptiert Veränderungen, sieht neue Möglichkeiten und kann sich an schwierige Situationen anpassen. Außerdem ist er großzügig, bewusst, authentisch und innerlich ruhig.
Das wahre Selbst
Jill verbindet Charakter 4 mit Carl Jungs Vorstellung vom **Selbst**. Für Jung entsteht das Selbst durch die Verbindung unseres bewussten und unbewussten Wesens. Es ist also nicht nur ein einzelner Persönlichkeitsanteil, sondern eine tiefere Einheit.
Quelle und universelle Energie
Jill beschreibt Charakter 4 als die Quelle unserer Lebenskraft. Durch diesen Charakter fließt ihrer Vorstellung nach die Energie des Universums in jede einzelne Zelle unseres Körpers. Er verbindet uns mit einer größeren Intelligenz, aus der wir ursprünglich kommen.
Charakter 4 erlebt uns nicht nur als körperliche Menschen, sondern als spirituelle Wesen, die gerade eine körperliche Erfahrung machen.
Dieses Bewusstsein teilen wir mit anderen Menschen und mit allem anderen Leben. Es ist eine gemeinsame Form von Bewusstsein, die uns mit einer höheren Kraft und mit dem Unendlichen verbindet.
Jill beschreibt diese Energie als etwas, das in jeder Zelle unseres Körpers und in jedem Molekül des Universums vorhanden ist.
Bewusstsein ohne Grenzen
Charakter 4 ist sich bewusst, dass wir auf einer tieferen Ebene sicher sind, unabhängig von unseren äußeren Umständen.
Er kennt keine klaren körperlichen Grenzen und kein starkes Gefühl von Individualität. Deshalb kann er sich grenzenlos und so groß wie das Universum fühlen.
Dieser Charakter ist offen und weit. Er betrachtet die Welt mit einem offenen Herzen.
Er akzeptiert die Dinge so, wie sie sind. Er urteilt nicht ständig darüber, was anders sein sollte. Stattdessen erlebt er das Leben mit Staunen und Dankbarkeit.
Das bedeutet nicht unbedingt, dass er alles gut findet. Er kämpft aber nicht innerlich gegen jeden Moment an.
Charakter 4 ist mit tiefer Ruhe und Liebe verbunden. In diesem Zustand können wir uns vollständig, friedlich und innerlich ganz fühlen.
Nach Jill führt der Weg zu echter Erleuchtung über die Erkenntnis, dass dieser innere Frieden nicht nur in einer fernen Zukunft existiert. Er war schon in der Vergangenheit möglich, ist in der Gegenwart verfügbar und kann uns auch in Zukunft begleiten.
Alle vier Charaktere gehören zu uns. Keiner von ihnen ist grundsätzlich besser oder echter als die anderen. Entscheidend ist, dass wir sie erkennen und lernen, bewusst zwischen ihnen zu wechseln.
Am Ende geht es in diesem Buch darum, wie sich das menschliche Gehirn weiterentwickeln kann. Jill erklärt, dass wir lernen können, mit allen vier Charakteren unseres Gehirns bewusster zu leben.
Das sogenannte **Brain Huddle** soll uns dabei helfen, die Verbindungen zwischen diesen vier Charakteren zu stärken. Dadurch können die verschiedenen Teile unseres Gehirns besser zusammenarbeiten.
## **Die 90-Sekunden-Regel** Wenn ein emotionaler Kreislauf in unserem Gehirn aktiviert wird, reagiert auch unser Körper darauf. Bestimmte chemische Stoffe werden freigesetzt und verteilen sich in unserem Blutkreislauf.
Laut Jill dauert es weniger als 90 Sekunden, bis diese körperliche Reaktion vollständig durch unseren Körper gelaufen ist und die chemischen Stoffe wieder abgebaut worden sind.
Das bedeutet: Eine Emotion wie Wut, Angst oder Traurigkeit verursacht zunächst eine körperliche Reaktion, die normalerweise nach ungefähr 90 Sekunden wieder endet.
Natürlich können wir länger als 90 Sekunden wütend, verletzt oder traurig bleiben. Das passiert aber meistens dann, wenn wir den Gedanken, der die Emotion ausgelöst hat, immer wieder neu denken.
Wir erinnern uns erneut an das Ereignis, wiederholen das Gespräch im Kopf oder stellen uns vor, was wir hätten sagen sollen. Dadurch aktivieren wir denselben emotionalen Kreislauf immer wieder neu.
Auf neurologischer Ebene läuft die Emotion dann nicht einfach weiter. Wir starten sie durch unsere Gedanken jedes Mal erneut.
Wenn es keinen neuen Auslöser gibt, endet der emotionale Kreislauf nach etwa 90 Sekunden von selbst. Jill nennt dieses Prinzip die **90-Sekunden-Regel**.
In unserem Gehirn passieren grundsätzlich drei Dinge: Wir denken Gedanken, wir fühlen Emotionen und unser Körper reagiert auf diese Gedanken und Gefühle.
Jede dieser Aktivitäten hängt davon ab, wie gesund die zuständigen Gehirnzellen sind und wie gut sie miteinander arbeiten.
Wenn eine Emotion entsteht, haben wir verschiedene Möglichkeiten. Wir können sie im Körper wahrnehmen und zulassen, bis die Reaktion nach etwa 90 Sekunden schwächer wird.
Wir können die Emotion auch direkt ausleben. Zum Beispiel können wir 90 Sekunden lang schreien, weinen oder sehr deutlich zeigen, wie wütend wir sind.
Oder wir können den emotionalen Kreislauf immer wieder neu aktivieren. Dann dauert die Emotion nicht nur 90 Sekunden, sondern vielleicht 90 Minuten, viele Jahre oder sogar fast das ganze Leben.
Die erste emotionale Reaktion entsteht häufig automatisch. Aber wie lange wir sie weiterführen, hängt oft davon ab, ob wir den auslösenden Gedanken ständig wiederholen.
## **Das Brain Huddle** Das **Brain Huddle** ist eine Art kurze innere Besprechung zwischen unseren vier Charakteren.
Bevor wir reagieren, drücken wir innerlich auf die Pausentaste. Diese Pause entspricht im Grunde der Anwendung der 90-Sekunden-Regel.
Wenn wir ungefähr 90 Sekunden warten, können die chemischen Stoffe, die gerade durch unseren Körper fließen, ihre Wirkung beenden und wieder abgebaut werden.
Jill betont, dass wir viel mehr Einfluss auf die Vorgänge in unserem Kopf haben, als uns normalerweise beigebracht wird.
Wir können innehalten, gewohnte Reaktionsmuster unterbrechen und bessere Entscheidungen treffen. In jedem Moment können wir neu entscheiden, wer wir sein und wie wir uns in der Welt verhalten möchten. Auch diese Fähigkeit hängt von bestimmten Zellen und Verbindungen in unserem Gehirn ab.
Durch das Brain Huddle übernehmen wir Verantwortung dafür, wie wir uns anderen Menschen gegenüber zeigen.
Gleichzeitig entscheiden wir bewusster, wie stark die Außenwelt unsere Gedanken, Gefühle und unser Verhalten beeinflussen darf.
Wie bei allen neuronalen Kreisläufen gilt auch hier: Je öfter wir das Brain Huddle üben, desto stärker werden die entsprechenden Verbindungen im Gehirn.
Deshalb sollten wir es nicht nur in großen Krisen anwenden. Es ist sinnvoll, die Methode auch in ruhigen und harmlosen Situationen zu trainieren.
Wenn wir diese Gewohnheit regelmäßig pflegen, können wir immer besser mit dem ganzen Gehirn leben.
Beim Brain Huddle dürfen alle vier Charaktere ihre Meinung äußern. Jill beschreibt ihr Gehirn wie eine Demokratie: Jeder Charakter bekommt eine Stimme.
Nur in einer echten Gefahrensituation gelten andere Regeln. Dann muss das Gehirn möglicherweise sehr schnell reagieren, um uns zu schützen.
In normalen Situationen können die vier Charaktere jedoch gemeinsam nach einer passenden und möglichst friedlichen Lösung suchen.
Dabei spielt es keine entscheidende Rolle, was gerade außerhalb von uns passiert. Wir können trotzdem versuchen, die innere Besprechung mit einer bewussten Entscheidung zu beenden.
Der Name **BRAIN** steht für fünf Schritte.
B – Breathe: Atmen
Zuerst atmen wir bewusst und richten unsere Aufmerksamkeit auf den Atem. Dadurch drücken wir innerlich auf die Pausentaste. Wir unterbrechen unsere automatische emotionale Reaktion und bringen unsere Aufmerksamkeit zurück in den gegenwärtigen Moment.
In dieser kurzen Pause konzentrieren wir uns wieder auf uns selbst, statt sofort auf die äußere Situation zu reagieren.
R – Recognize: Erkennen
Dann erkennen wir, welcher der vier Charaktere gerade aktiv ist. Vielleicht ist Charakter 1 gerade kritisch und will sofort alles kontrollieren. Vielleicht fühlt sich Charakter 2 verletzt, ängstlich oder wütend.
Vielleicht möchte Charakter 3 spontan reagieren und einfach etwas ausprobieren. Oder Charakter 4 betrachtet die Situation ruhig und aus einer größeren Perspektive.
Der erste wichtige Schritt besteht darin, überhaupt zu bemerken, welcher Charakter gerade die Führung übernommen hat.
A – Appreciate: Wertschätzen
Danach versuchen wir, diesen Charakter nicht sofort abzulehnen oder zu verurteilen. Wir wertschätzen ihn und erinnern uns daran, dass er aus einem bestimmten Grund existiert.
Auch ein ängstlicher, kritischer oder wütender Charakter möchte uns meistens auf seine eigene Weise schützen.
Gleichzeitig erkennen wir an, dass uns nicht nur dieser eine Charakter zur Verfügung steht. In jedem Moment können grundsätzlich alle vier Charaktere an der Entscheidung beteiligt werden.
I – Inquire: Nachfragen
Nun fragen wir innerlich nach und laden alle vier Charaktere zur Besprechung ein.
Jeder Charakter darf seine Perspektive zeigen. Gemeinsam können sie überlegen, welche Reaktion in dieser Situation sinnvoll ist.
Charakter 1 kann zum Beispiel die Fakten analysieren und einen klaren Plan entwickeln. Charakter 2 kann auf mögliche Gefahren oder frühere Verletzungen hinweisen.
Charakter 3 kann neue Möglichkeiten erkennen und mehr Offenheit oder Mitgefühl einbringen. Charakter 4 kann die Situation aus einer ruhigen Gesamtperspektive betrachten.
Ziel ist nicht, einen Charakter vollständig auszuschalten. Stattdessen sollen alle vier gemeinsam über den nächsten Schritt nachdenken.
N – Navigate: Den neuen Weg wählen
Am Ende handeln wir in der neuen Situation bewusst. Wir lassen alle vier Charaktere ihre besten Fähigkeiten einbringen und wählen dann eine passende Reaktion.
So reagieren wir nicht einfach automatisch aus Angst, Ärger oder Gewohnheit. Wir entscheiden bewusster, wie wir mit der Situation umgehen möchten.
Das Brain Huddle soll uns also nicht von unseren Emotionen trennen. Es hilft uns vielmehr, sie wahrzunehmen, zu verstehen und mit unseren anderen Fähigkeiten zu verbinden.
Dadurch können wir eine Reaktion wählen, die nicht nur einem einzelnen Charakter entspricht, sondern möglichst das Beste aus unserem ganzen Gehirn nutzt.
Wenn wir unsere vier Charaktere kennen, verstehen und bewusst pflegen, können sie besser miteinander zusammenarbeiten. Das stärkt nicht nur unser Denken, sondern auch unsere emotionale, körperliche und spirituelle Gesundheit.
Genau das meint Jill mit **Whole Brain Living**, also einem Leben mit dem ganzen Gehirn.
Sie glaubt, dass diese Form des Lebens ein wichtiges Entwicklungsziel der Menschheit ist. Dieser Wandel geschieht jedoch nicht plötzlich für alle Menschen gleichzeitig. Er beginnt in jedem einzelnen Gehirn.
## **Mit den vier Charakteren leben** Unser Ziel besteht darin, gesunde Beziehungen zwischen unseren eigenen vier Charakteren aufzubauen. Gleichzeitig müssen wir lernen, mit den vier Charakteren anderer Menschen umzugehen.
Das ist besonders wichtig, wenn wir möchten, dass unsere Beziehungen möglichst positiv, unterstützend und lebendig sind.
Je besser wir erkennen, welcher Charakter gerade in uns aktiv ist, desto sicherer können wir mit allen vier Seiten unserer Persönlichkeit umgehen.
Wir müssen keinen Charakter verstecken oder ablehnen. Je freier wir alle vier ausdrücken können, desto mehr nutzen wir die Möglichkeiten unseres ganzen Gehirns.
Wir sind nicht vier getrennte Personen. Wir sind ein einziges komplexes Gehirn mit vier unterschiedlichen Charakteren.
In jedem Moment haben wir die Möglichkeit, bewusst zu wählen, welchen dieser Charaktere wir gerade nach außen zeigen möchten.
Wenn wir unser Gehirn trainieren, können wir leichter zwischen den vier Charakteren wechseln. Dabei entstehen neue neuronale Verbindungen zwischen den verschiedenen Gruppen von Gehirnzellen.
Diese Verbindungen machen es möglich, die vier Charaktere jederzeit zu einem Brain Huddle einzuladen.
Dadurch können wir bewusster entscheiden, welche Seite von uns in einer bestimmten Situation am hilfreichsten ist. Wir können unsere besten Fähigkeiten nutzen und unser Leben mit einer klareren Absicht führen.
Wenn wir glauben, dass wir keine Wahl haben, handeln wir automatisch. Dann folgen wir alten Gewohnheiten, wiederholen bekannte Reaktionen und lassen uns von einem einzelnen Charakter kontrollieren.
Wenn wir aber verstehen, welche Gehirnstrukturen hinter unseren Entscheidungen stehen, gewinnen wir mehr Einfluss auf unser Verhalten.
Wir müssen dann nicht mehr nur sofort reagieren. Stattdessen können wir innehalten, die Situation betrachten und eine informierte Entscheidung treffen.
Eine besonders gute Nachricht ist, dass Neuroplastizität wirklich existiert. Unser Gehirn kann sich verändern, neue Verbindungen bilden und sich bis zu einem gewissen Grad erholen.
Dafür müssen wir jedoch bereit sein, regelmäßig und konsequent zu üben. Beim Gehirn gilt tatsächlich: Übung stärkt die Fähigkeiten.
Jedes Mal, wenn wir einen bestimmten neuronalen Kreislauf bewusst aktivieren, wird dieser Kreislauf stärker.
Das betrifft positive und negative Muster. Wenn wir immer wieder kritisch, ängstlich oder wütend reagieren, werden auch diese Verbindungen stärker.
Wenn wir dagegen bewusst Ruhe, Mitgefühl, Offenheit oder klare Planung üben, unterstützen wir andere neuronale Kreisläufe.
Jill hat aus ihrer Erfahrung gelernt, dass ihr gesamtes Weltbild vom Zustand ihrer Gehirnzellen und von ihren Verbindungen untereinander abhängt.
Wie wir die Welt sehen, ist also nicht unabhängig von unserem Gehirn. Unsere Wahrnehmung verändert sich je nachdem, welche Zellgruppen aktiv sind und wie gut sie zusammenarbeiten.
Je besser wir die verschiedenen Zellgruppen in unserem Gehirn verstehen, desto mehr Einfluss gewinnen wir auf unser inneres Erleben.
Wir können lernen, wie diese Gruppen organisiert sind und wie es sich anfühlt, wenn ein bestimmter neuronaler Kreislauf aktiv ist.
Dadurch können wir bewusster entscheiden, welches Netzwerk wir nutzen möchten. So gewinnen wir Schritt für Schritt die Fähigkeit, selbst zu wählen, wer wir in der Welt sein möchten und wie wir uns verhalten wollen.
Diese Wahl bleibt auch dann möglich, wenn die äußeren Umstände schwierig sind. Natürlich können wir nicht alles kontrollieren, was uns passiert. Wir können aber beeinflussen, welche inneren Kreisläufe wir weiter aktivieren und wie lange wir in ihnen bleiben.
Jede unserer Fähigkeiten hängt davon ab, dass bestimmte Zellen ihre Aufgabe erfüllen. Unsere Emotionen, körperlichen Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen entstehen dadurch, dass Gehirnzellen in bestimmten Kreisläufen arbeiten.
Wir besitzen neuronale Verbindungen für Leid und Unzufriedenheit. Gleichzeitig besitzen wir auch Verbindungen für Freude, Dankbarkeit und inneren Frieden.
Deshalb haben wir bis zu einem gewissen Grad die Möglichkeit zu entscheiden, welchen Kreisläufen wir unsere Aufmerksamkeit und Energie geben.
Wir können auch beeinflussen, wie lange wir diese Kreisläufe aktiv halten und wie wir unsere eigenen Reaktionen bewerten.
Jill beschreibt die Entwicklung der Menschheit als einen Prozess, bei dem verschiedene Bereiche unseres Gehirns immer stärker miteinander verbunden werden.
Zuerst verbinden wir das neuere Denkgewebe der linken Gehirnhälfte, also Charakter 1, mit dem tiefer liegenden emotionalen Gewebe von Charakter 2.
Dann verbinden wir das denkende Gewebe der rechten Gehirnhälfte, also Charakter 4, mit dem emotionalen Gewebe von Charakter 3.
Danach müssen auch die beiden emotionalen Seiten stärker miteinander kommunizieren: Charakter 2 auf der linken Seite und Charakter 3 auf der rechten Seite.
Schließlich geht es darum, auch die beiden denkenden Charaktere miteinander zu verbinden: Charakter 1 und Charakter 4.
Wenn diese vier Bereiche gut miteinander arbeiten, kommen wir einem Leben mit dem ganzen Gehirn näher.
Die Entwicklung der Menschheit ist noch nicht abgeschlossen. Jill glaubt, dass wir unsere eigene Entwicklung bewusst mitgestalten können.
Wir besitzen zwei besondere Gehirnhälften. Jede von ihnen verarbeitet Informationen auf ihre eigene Weise und bringt andere Fähigkeiten mit.
Wenn wir beide Seiten miteinander verbinden, kann das ihrer Meinung nach ein Weg zu tiefem innerem Frieden sein.
Gleichzeitig könnte diese innere Veränderung auch zu mehr Frieden in der Gesellschaft und in der Welt beitragen.
Unser Gehirn entsteht sowohl durch unsere biologische Ausstattung als auch durch unsere Erfahrungen und Gewohnheiten.
Das bedeutet: Wir übernehmen nicht nur ein fertiges Gehirn. Durch das, was wir regelmäßig denken, fühlen und tun, verändern wir seine Struktur.
Wir können also die Zellverbindungen beeinflussen, die unseren Gedanken und Gefühlen zugrunde liegen.
Jill sieht darin etwas Besonderes: Vielleicht besitzt die Menschheit zum ersten Mal in der Geschichte des Lebens die Fähigkeit, ihre eigene Entwicklung bewusst in eine Richtung zu lenken, in der mehr Verbindung und Kommunikation möglich sind.
Unsere Gesellschaft orientiert sich ihrer Meinung nach sehr stark an den Werten der linken Gehirnhälfte.
Äußerer Erfolg, Besitz, Leistung und Status werden oft wichtiger genommen als unser vollständiges inneres Wohlbefinden.
Dadurch fällt es vielen Menschen schwer, einen echten Sinn oder eine tiefere Aufgabe in ihrem Leben zu finden.
Ein gesundes Gehirn besteht aus Milliarden gesunder Nervenzellen, die miteinander kommunizieren. Ähnlich besteht eine gesunde Gesellschaft aus vielen Menschen, die miteinander verbunden sind und offen miteinander kommunizieren.
Jill beschreibt den Menschen als die Lebenskraft des Universums mit geschickten Händen und zwei denkenden Gehirnhälften.
Wir können in jedem Moment entscheiden, wer wir sein möchten und wie wir uns in der Welt zeigen.
Wir können in das Bewusstsein der rechten Gehirnhälfte wechseln. Dort erleben wir uns als Teil einer größeren Lebenskraft und als verbunden mit allem, was existiert.
Oder wir können in das Bewusstsein der linken Gehirnhälfte wechseln. Dort erleben wir uns als einzelne Person mit einem Namen, einer Geschichte, einem Beruf und einer klaren Identität.
Beide Seiten gehören zu uns. Die wichtige Frage lautet deshalb nicht, welche Seite richtig und welche falsch ist.
Die Frage ist vielmehr: **Welche Seite wählen wir – und in welchem Moment?**
Jill glaubt, dass wir mehr Frieden in die Welt bringen, wenn wir häufiger die inneren Friedenskreisläufe unserer rechten Gehirnhälfte aktivieren.
Je mehr Menschen diesen Zustand bewusst üben, desto größer ist die Chance, dass auch unsere gemeinsame Welt friedlicher wird. Genau deshalb hält sie diese Idee für wichtig genug, um sie mit anderen zu teilen.
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